Der Preisverfall der Milch bedroht viele bäuerliche Existenzen

Heute am Nachmittag treffen sich die deutschen Länder-Agrarminister und Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt in Brüssel mit dem EU-Agrarkommissar Phil Hogan. 

Im Vorfeld des Treffens fordern Germanwatch, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und Aktion Agrar sofortige Schritte, um die Milcherzeugung in der EU zu verringern. Dies sei der einzige Weg, die sich seit mehr als einem Jahr verschärfende Krise auf dem europäischen Milchmarkt in den Griff zu bekommen.

Die Erzeugerpreise verharren auf einem historisch niedrigen Niveau. Immer mehr Betriebe geben auf. Wenn sich die Lage nicht bald bessere, drohe ein drastischer Strukturbruch, warnen die drei Organisationen. „Ohne ein schnelles Gegensteuern wird von einer bäuerlichen Milcherzeugung kaum etwas übrig bleiben“, fürchtet Tobias Reichert, Leiter des Teams Welternährung bei der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch.

Betroffen sind nicht nur Milchbäuerinnen und -bauern in der EU. Die weiter wachsende Produktion und der Export aus der EU sind auch maßgeblich für den Einbruch der Weltmarktpreise verantwortlich, wie eine heute veröffentlichte Analyse der drei Organisationen zeigt.

„Europäische Molkereien haben vor allem ihren Export von billiger Massenware, wie dem mit Pflanzenfett angereicherten Magermilchpulver, gesteigert“, erklärt Reichert.

„Damit treiben sie die Krise in die Länder des globalen Südens. Sie verschärfen so die Konkurrenz zu Milcherzeugern in armen Ländern wie Burkina Faso oder Nigeria, die mit den Billigimporten nicht mithalten können. Entwicklungspolitische Anstrengungen die Armut auf dem Land zu bekämpfen werden dadurch konterkariert.“

„Kredite und andere Liquiditätshilfen sind bisher in ihrer Wirkung verpufft. Staatliche Hilfen müssen daher mit einer spürbaren Mengenreduzierung verbunden sein“, fordert Ottmar Ilchmann, stellvertretender Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. „Zusätzlich müssen die Molkereien den EU-Hilfsbetrag verdoppeln und Betriebe, die weniger Milch liefern, mit höheren Preisen honorieren. Auf betrieblicher Ebene kann das umgesetzt werden durch Reduzierung der Kraftfuttergaben oder Milchverfütterung an Kälber.“

„Die EU muss weg von ihrer Exportorientierung. Es braucht eine Qualitätsoffensive, zu der faire Preise, eine bedarfsgerechte Erzeugung, Tierschutz und Klimaschutz gehören müssen“, sagt Jutta Sundermann von der Aktion Agrar. Ein „weiter so“ in der Europäischen Milchpolitik ist nach Einschätzung von Germanwatch, AbL und Aktion Agrar nicht nur für die Milchbäuerinnen und -bauern in Deutschland und Europa, sondern auch weltweit keine Option. Für eine zukunftsfähige bäuerliche Milcherzeugung braucht es auf EU-Ebene mittel- und langfristig Instrumente zur Marktsteuerung, die solche Krisen präventiv verhindern.

Über den Autor

Frank Tetzel ist Chefredakteur von FAIReconomics. Seine Schwerpunkte liegen auf den Themen: Energie, Mobilität, Tourismus, Arbeit und Stadt der Zukunft.

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