Sibylle Barden schreibt über Gewinner und Verlierer der COVID-19 Pandemie und fordert einen neuen Kapitalismus. (Foto: pixabay.com)

von Sibylle Barden*

Wie wird die Welt nach Covid-19 aussehen? Die Frage ist so weit gefasst, wie die Zerstörung durch das Virus. Die Pandemie hat uns 7,8 Milliarden Weltbürger in den Ausnahmezustand versetzt, 170 Mitgliedsländer des Internationalen Währungsfonds in die Rezession gestürzt und einen neuen Schuldenberg von unabtragbarer Höhe erschaffen. D

er verordnete Stillstand, der ursprünglich als begrenztes künstliches Koma gedacht war, entpuppt sich als unkontrollierbarer Tipping Point, als Umkehrpunkt für das gesamte System. Der Kapitalismus in seiner derzeitigen Form hat alle Trümpfe ausgereizt. Wohin unsere Reise geht, liegt vor allem an der Intelligenz und dem Willen der Machtverschieber sowie den Zukunftsmodellen, auf die sie zurückgreifen können. Mein letzter Teil widmet sich einem neuen Wirtschaftsmodell: dem Stakeholder-Kapitalismus. 

Stakeholder Management wird seit langem in Unternehmen praktiziert 

Der Begriff Stakeholder und das damit verbundene Stakeholder Management kommt aus der Wirtschaft, wo ein Unternehmen alle Stakeholder, sprich alle internen und externen Personengruppen managen muss, die direkt oder indirekt von den Tätigkeiten eines Unternehmens betroffen sind, Ansprüche und Erwartungen haben und daher Einfluss auf das Unternehmen ausüben. Man spricht auch von Anspruchs- oder Interessengruppen. Für Unternehmen bedeutet dies konkret: Ansprüche und Erwartungshaltungen von Kunden, Mitarbeitern, Handelspartnern, Lieferanten, Öffentlichkeit, öffentlicher Verwaltung, Gesetzgebern, Politik, Verbänden und Verbraucherschutz, Banken und anderen Kapitalgebern sowie Eigentümern strategisch zu managen. So die offizielle Version. Inoffiziell haben sich Wirtschaft und Politik seit Dekaden auf lediglich einen einzigen Stakeholder fokussiert – den Aktionär. Dessen Anspruch auf absolute Gewinnmaximierung mußten sich alle anderen Mitglieder der Stakeholderkette unterordnen. 

Es ist Zeit für einen neuen Kapitalismus 

Professor Klaus Schwab, der Gründer und Vorstandsvorsitzende des Weltwirtschaftsforums in Genf, hat bereits 1970 die Idee eines Stakeholder Kapitalismus in seinem „Davos Manifest“ geboren. 50 Jahre später, im Januar 2020, formulierte er sein Modell beim Jahrestreffen der Weltelite in der Schweiz folgendermaßen: „Der Zweck eines Unternehmens besteht darin, alle seine Stakeholder in die gemeinsame und nachhaltige Wertschöpfung einzubeziehen. Bei der Schaffung dieses Werts dient ein Unternehmen nicht nur seinen Aktionären, sondern allen seinen Stakeholdern – Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten, lokalen Gemeinschaften und der Gesellschaft insgesamt.“ 

Schwab betrachtet Unternehmen als Treuhänder der Gesellschaft – Ein Unternehmen dient nicht nur Aktionären, sondern allen Stakeholdern 

Seines Erachtens müssen moderne Unternehmen heute mehr leisten. „Sie müssen auch die Interessen anderer Gruppen – zum Beispiel der Beschäftigten, der kritischen Öffentlichkeit, die der Umwelt mitbedenken. Auch wenn das im Einzelfall geringere betriebswirtschaftliche Profite mit sich bringt.“ Unternehmen müssen ihren gerechten Anteil an Steuern zahlen. Sie sollten Korruption keinesfalls tolerieren und die Menschenrechte in ihren globalen Lieferketten achten. Und sie sollten einheitliche Wettbewerbsbedingungen respektieren. 

Schwab spricht davon, eine Kennzahl für die „gemeinsame Wertschöpfung“ zu kreieren, die die Finanzkennzahlen ergänzt und eine Optimierung der Ziele für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung ermöglicht. Eine zweite Maßnahme wäre laut Modell, die Anpassung der Vergütung von Führungskräften. „Seit den 1970er-Jahren sind die Gehälter von Führungskräften in die Höhe geschnellt, hauptsächlich um das Management an den Aktionären ‚auszurichten’. Im neuen Stakeholder-Modell sollte sich die Vergütung eher an der langfristigen gemeinsamen Wertschöpfung orientieren.“ 

Der Stakeholder-Kapitalismus, als Modell, ist die einzige Organisationsform, die soziale Verantwortung inklusive Umweltfrage mit dem System der Marktwirtschaft verbindet. 

Der heutige wirtschaftliche Umbruch bietet die seltene Gelegenheit, den Kapitalismus umzustrukturieren, zu reformieren, damit er für einen breiteren gesellschaftlichen Bereich funktioniert. Das Modell des Shareholder Kapitalismus, das wir im Westen praktizieren, welches das Streben nach Gewinn als das Hauptziel von Unternehmen herausstellt, hat ausgedient. Warum? Weil es bis zum Ende der Effektivität und Moral ausgereitzt ist. Weil es Menschenleben kostet, die Natur zerstört, weil eine Gesellschaft, ein Unternehmen das eigene Wohl nicht auf Kosten des ganzen Globus ausrichten kann. Die Weiterentwicklung des Shareholder-Kapitalismus (für Aktionäre) in Stakeholder-Kapitalismus (für die Gesellschaft) ist erforderlich für das Überleben von Mensch und Natur. 

Bisher hat die Globalisierung vor allem der Wirtschaft gedient – höchste Zeit, dass sie auch der Gemeinschaft dient 

„Die Welt ist keine Obstschale, von der wir uns nehmen können, was wir wollen“, mahnte Naturforscher Sir David Attenborough die Weltelite beim Jahrestreffen in Davos im Januar 2020. „Wir sind ein Teil von ihr. Wenn wir sie zerstören, zerstören wir uns selbst.“ Das genau aber tun wir und ignorieren dabei alle Warnzeichen, ob vom Klima oder den Finanzen ausgehend. Die Zeit für dezente politische Kurskorrekturen, die für einen vernünftigeren Lebensstil gesorgt hätten, ist abgelaufen. 

„Der Immer-Weiter-Schneller-Mehr-Kapitalismus ahre muss aufhören“, sagte Entwicklungsminister Gerd Müller vor kurzem. In der Coronakrise sieht er „einen Weckruf an die Menschheit“ und fordert ein „Umdenken in Sachen Raubbau an der Natur.“ Diesen macht Müller mitverantwortlich für die Pandemie. „Ich fordere eine Abkehr vom traditionellen Kapitalismus.“ Entwicklungsminister Gerd Müller vor kurzem. In der Coronakrise sieht er „einen Weckruf an die Menschheit“ und fordert ein „Umdenken in Sachen Raubbau an der Natur.“ Diesen macht Müller mitverantwortlich für die Pandemie. „Ich fordere eine Abkehr vom traditionellen Kapitalismus.“ 

Ein CSU-Bundesminister fordert öffentlich die Abkehr vom traditionellen Kapitalismus 

Der Stakeholder-Kapitalismus des “Davos Manifests” von Klaus Schwab fordert Unternehmen dazu auf, Nachhaltigkeit und Umweltschutz eine zentrale Rolle einzuräumen. “Sie könnten dazu beitragen, übergeordnete gesellschaftliche Ziele zu erreichen, etwa das Pariser Klima-Abkommen und die VN-Ziele für nachhaltige Entwicklung.” Für die Umsetzung der Ziele ist sein Weltwirtschaftsforum eine aktive Partnerschaft mit den Vereinten Nationen eingegangen. 

Wir müssen uns selbst schützen 

Wenn es zu Erschütterungen und Krisen kommt, sei es in Form eines Virus, einer Finanzkrise oder eines Krieges, kann die Weltbevölkerung nicht mit der Unterstützung von Milliardären und reichen Aktionären rechnen. Die helfen sich nur effizient untereinander und profitieren, wie meine vorherigen Essays zeigen, von Krisen. Wir müssen uns also selbst helfen. Sollte es nach Covid-19 und dem globalen Wirtschaftseinbruch zu steigender Armut und damit einhergehenden Bürgerunruhen, Chaos und gewalttätigen Aufständen kommen, müssen Politik, Wirtschaft und internationale Organisationen vorbereitet sein: Nicht mit brachialen Ad-hoc-Maßnahmen, sondern mit einem handfesten Zukunftsmodell, einer Vision, die Menschen einen positiven Ausweg weist. Stakeholder-Kapitalismus kann so ein Ausweg sein. 

Quellen: Professor Klaus Schwab “Stakeholder Kapitalismus / Davoser Manifest”, Rede vom Januar 2020 beim Jahrestreffen des World Economic Forums, Webseite des World Economic Forums, diverse Interviews und Gastbeiträge / Strategic Stakeholder Management, Open University Business School, London / Zitat Entwicklungsminister Gerd Müller – Rheinische Post, Zitat Papst Franziskus – Il Sole 24 Ore, Zitat Sir David Attenborough – aus seiner Rede beim World Economic Forum Jahrestreffen in Davos 2020 

Die Autorin
Sibylle Barden
ist Publizistin. In ihrem 2019 erschienenem Wirtschaftsthriller „Der Honiganzeiger“ zerstört ein tödliches Virus erst Leben, dann unsere Weltordnung. Europa zerbricht, und im Jahr 2028 teilt sich die internationale Oligarchie die Welt untereinander auf. Das Buch ist zu erwerben bei genialokal.de, dem Dienst, der den lokalen Buchhandel unterstützt: 

https://www.genialokal.de/Produkt/Sibylle-Barden/Der-Honiganzeiger 

Über den Autor

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