Einer der Gewinner der Pandemie steht fest. Es ist die Finanzindustrie, meint Sybille Barden. (Foto: pixabay.com)
von Sibylle Barden*
„Wenn Sie seit dem Bau der ägyptischen Pyramiden jeden Tag 10.000 Dollar gespart hätten, würden Sie heute lediglich über ein Fünftel des durchschnittlichen Vermögens der 5 reichsten Milliardäre verfügen.” Dies hat das Weltwirtschaftsforum in Genf errechnet und kommt zu dem Schluß, „es ist Zeit für eine radikale Veränderung.“
Diese Veränderung ist nun eingetreten, ausgelöst durch ein kleines Virus. In seiner Radikalität trifft es auf unsere fragile Welt und legt all ihre Schwachstellen offen. Die neue wöchentliche Serie beleuchtet diese Schwachstellen, versucht Gewinnern und Verlierern nach Covid-19 auf den Grund zu gehen.

Teil I: Das Finanzsystem.

Aus globaler Sicht:

Die Corona-Pandemie hat 170 der 189 Mitgliedstaaten des Internationalen Währungsfonds (IWF) in die Rezession gestürzt, so der jüngsteKonjunkturbericht „World Economic Outlook“des IWF. “160 von ihnen”, sagt Chefin Kristalina Georgieva , “hatten noch vor drei Monaten gute Aussichten auf Wirtschaftswachstum.” 160 Länder! Man will “notleidenden Staaten Kredite über eine Billion Dollar bereitstellen. Zudem wurden die Notfallkredite auf 100 Milliarden Dollar aufgestockt.”Rund um den Globus haben Regierungen bereits acht Billionen Dollar an Finanzhilfen bereitgestellt. Die Krise trifft laut IWF alle Länder. In ärmerenStaaten und Entwicklungsländernkann die Coronakrise durchaus in die Katastrophe führen. Sie haben schlechtere Gesundheitssysteme, weniger Rücklagen und sind unter enormem Druck von Investoren. IWF: „In den letzten zwei Monaten wurden aus Entwicklungsländer-Portfolios rund 100 Milliarden Dollar abgezogen – mehr als drei Mal so viel wie in der Weltfinanzkrise.“

Das reichste Land der Welt:

In den USA gibt man dem Finanzkapitalismus Carte blanche. Die Hilfen zur Lösung der Corona-Krise kannten bis Mitte April nur ein einziges Ziel: Die Rettung der Groß-und Investmentbanken und der Milliardäre. Die US-Notenbank (Fed) versprach, insgesamt 1,5 Billionen Dollar an Liquidität für Banken zur Verfügung zu stellen. Inzwischen wurde die Summe auf 2,3 Bllionen Dollar aufgestockt, um auch ein paar Unternehmen und Gemeinden zu unterstützen. Die Notenbank wolle auch im Rahmen ihrer monatlichen Wertpapierkäufe eine breite Palette von Staatstiteln erwerben, berichtet der Nachrichtensender n-tv.

Insgesamt ein weiterer Schritt in Richtung financication. Was schlicht bedeutet, mehr Macht dem Finanzsystem. Dabei ist es nicht so, dass amerikanische Politiker es nicht besser wüßten. Timothy Geithner, Obamas ehemaliger Finanzminister und zuständig für die Rettung in der globalen Finanzkrise, lehrt in Yale, wie Krisenbewältigung besser funktioniert:Dass es nicht ausreicht, nur Banken zu retten und die Gesellschaft zu ignorieren. Dies sei ein Fehlergewesen, räumt er heute ein. Warum also jetzt das gleiche nochmal? Die großen Verlierer heute in den USA sind die großen Verlierer von gestern und vorgestern und vorvorgestern: Arme, Schwarze, Hispanics, eine abgerutschte Mittelklasse. Allein in den ersten drei Corona-Wochen verloren 16 Millionen Amerikaner ihre Arbeit.

Gewinner der Corona Krise:

Hedgefonds- und Investment-Manager erfreuen sich derzeit an großen Gewinnen. Der britische Guardian berichtet, dass zum Beispiel Jonathan Ruffer, Gründer von Ruffer Investments, seinen Klienten erzählt, er habe durch den Corona-Börsencrash 2,4 Milliarden GBP verdient. Sein Investment-KollegeCrispin Odey, tatkräftiger Brexit-Unterstützer, hat bereits Millionen damit verdient, im Zuge des EU-Referendums gegen das Pfund zu wetten. Während der Corona-Pandemie sagt er, habe er “gerade den besten Monat seit der globalen Finanzkrise erlebt.”Brexiter und Regierungsmitglied Jacob Rees-Moog, Mitbegründer und 15%iger Teilhaber an Somerset Capital Management, spricht von einem “sehr gesunden Profit in der Coronakrise”.Wenn Politik auf “Alle Macht dem Finanzkapital” setzt und die Gesetze dementsprechend gestaltet, ist dieses Verhalten absolut legal. Moralisch verwerflich, sicher, aber es zeigt, wie wenig demokratische Politik heute auf die gesamte Gesellschaft fokussiert ist, dafür ein Freund starker Lobbygruppen. Eine große Schwachstelle.

Deutschland geht mit besserem Beispiel voran:

Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat haben das größte Hilfspaket in der Geschichte der Bundesrepublik beschlossen. Nachzulesen auf der Webseite des Bundesfinanzministeriums:“Der Umfang der haushaltswirksamen Maßnahmen beträgt insgesamt 353,3 Milliarden Euro und der Umfang der Garantien insgesamt 819,7 Milliarden Euro. Es handelt es sich um ein Schutzschild für Beschäftigte, Selbstständige und Unternehmen.” Unter anderem fließen 55 Milliarden Euro in die Pandemiebekämpfung, 50 Milliarden wurden an Selbständige und Kleinunternehmer ausgezahlt und als Teil des Wirtschaftsstabilisierungsfonds werden Bürgschaften in Höhe von 400 Milliarden Euro gestellt. Verglichen mit der Handhabungin der Finanzkrise 2008/9 muß man der deutschen Regierung bisher ein gutes Zeugnis ausstellen: Sie hat aus der Bankenrettung vor elf Jahren die richtigen Schlüsse gezogen. Gelder gehen heute direkt in die Wirtschaft, direkt in die Gesellschaft, in die kleinen Firmen und ins Handwerk, in die Tourismusindustrie oder die Forschung.

Natürlich ist das Wirtschaftswachstum zum Erliegen gekommen und natürlich wird Deutschland eine heftige Rezession erleben- ganze Industriezweige werden verschwinden und auch die Arbeitslosigkeit wird ansteigen. Das Handelsblatt schreibt: “Im zweiten Quartal erwarten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer Gemeinschaftsdiagnose einenEinbruch des deutschen Bruttoinlandsprodukts um 9,8 Prozent. Das ist die größte Schrumpfung, seit Quartalswerte ab 1970 gemessen werden –  und sie ist doppelt so groß wie der Einbruch während der Weltfinanzkrise Anfang 2009. ”Es wird teuer werden für uns Bürger. Aber die Gesamtrichtung ist für die Gesellschaft eine bessere als in finanzkapitalistischen Staaten. Das macht Hoffnung.

Europäische Union: Die EU hat zwar ein Wirtschaftspaket von 500 Milliarden Euro für Länder in Not geschnürt, aber die Atmosphäre ist hochgradig angespannt. Geld allein wird die europäische Coronakrise nicht lösen. Europa ist vor allem auch eine emotionale Union. Jede unterlassene Hilfeleistung, ob in Form von medizinischen Gütern oder Fachpersonal oder Finanzen, wird jetzt von den Bürgern als Kriegserklärung aufgenommen. Der Aufruf von Altkanzler Gerhard Schröder im Handelsblatt zu mehr Solidarität ist nicht nur der Schlüssel zur Bewältigung der Coronakrise, sondern auch der Schlüssel zum Überleben der Europäischen Union.

Mehr dazu in der nächsten Woche, im Teil II: Die Europäische Vision.

Quellen: World Economic Forum, Bundesfinanzminsiterium, FAZ, n-tv, Handelsblatt, International Monetary Found, The Guardian, finanzen.net, Europäische Union

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Sibylle Barden

Die Autorin und Journalistin richtet seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise ihren Fokus auf die Disruption politischer, institutioneller und sozialer Werte; in Zeiten gefährlicher Wendepunkte. Beim Axel Springer Verlag begann 1990 ihre Laufbahn als Journalistin. Von 1994 bis 2000 arbeitete sie beim Fernsehen, zunächst als Redakteurin, später als Unternehmenssprecherin. Von 2002 bis 2008 war sie Sprecherin und Leiterin Marketing an der Deutschen Botschaft London, vornehmlich für Branding Germany verantwortlich. Zeitgleich absolvierte sie in London den Master of Business Administration (MBA). 2012 konnte sie die britische Economist Group für eine weltweite Kampagne zur Verbesserung der Finanzindustrie gewinnen.  2014 erschien ihr erstes Buch, Triumph des Mutes, bei amazon, 2016 als Taschenbuch beim dtv. 2018 veröffentlichte sie “Wie wollen wir leben?”, ein politisches Sachbuch, das für einen globalen Marshallplan plädiert. Die Autorin ist ehrenamtliches Kuratoriumsmitglied des Kölner Forums für Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik e.V. (KFIBS) mit Sitz in Brühl, Rheinland. Verheiratet mit einem Briten, lebt sie in Deutschland und Frankreich.

Über den Autor

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