China ist der große Gewinner der COVID-19 Krise.(Foto: pixabay.com)

von Sibylle Barden

Wenn Covid-19 uns eines gezeigt hat, dann, dass China, trotz der Kritik, die Corona-Krise schnell und effektivgelöst hat. In Kürze wurden Krankenhäuser gebaut, Millionenstädte isoliert, die gesamte staatliche Infrastruktur zur Problemlösung genutzt.

Der Westen zeigt ein anderes Gesicht: Unser bis zum Ende der Effektivität heruntergespartes Gesundheits-und Sozialsystem gewährleistet nicht einmal die Minimalausrüstung für das medizinische Personal. Europas politischer Unwille zur Solidarität führt schon heute in die nächste große Krise: Der Patient kommt vielleicht mit dem Leben davon, wird dann aber Zeuge des Niedergangs seiner Volkswirtschaften.

Asien hat seit Dekaden investiert: In seine eigene Infrastruktur und in die seiner fünf Milliarden Nachbarn. „Wenn wir von 2100 auf das Datum zurückblicken, an dem der Eckpfeiler einer von Asien geführten Weltordnung begann, wird es 2017 sein. Im Mai dieses Jahres versammelten sich 68 Länder, die zwei Drittel der Weltbevölkerung und die Hälfte ihres Bruttoinlandsprodukts repräsentieren in Peking zum ersten Gipfel der Belt and Road Initiative. Dieses Treffen asiatischer, europäischer und afrikanischer Staats-und Regierungschefs symbolisierte den Start des größten koordinierten Infrastrukturinvestitionsplans in der Geschichte der Menschheit.“ Parag Khanna heißt der Autor dieser Zeilen. Und die Message seines gleichnamigen Weltbestsellers lautet: „Unsere asiatische Zukunft“.

Die Wirtschaftsleistung Chinas hat sich innerhalb von zehn Jahren nahezu verdreifacht. 2018 erreichte das Bruttoinlandsprodukt mit rund 13,37 Billionen US-Dollar einen neuen Rekordwert. “Damit ist China”, laut Statista, “die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und ein Ende des Aufwärtstrends ist nicht absehbar.” Dieser Erfolg ist dasResultat einer Vision. Und ihrer Umsetzung: Von 1978 bis vermutlich 2049.

Chinas erste Reformstufe, die von 1978 bis 1989 dauerte, war geprägt von einer Agrarreform und der Wiederbelebung des Privatsektors. Die zweite Reformwelle erfolgte von 1992 bis 2012, sie legalisierte die Marktwirtschaft und führte zum Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation und zu einem boomenden Privatsektor. 2013 der Beginn der Road and Belt Initiative (RBI), der “neuen Seidenstraße”. Eine Billion Dollar, das sind 1000 Milliarden an Investitionen, finanzierten bisher übereintausend Projekte: Häfen, Autobahnen, Eisenbahnlinien, Kraftwerke.

Road and Belt Initiative

Die Initiative ist Chinas Motor für die globale Transformation. Bruno Maçães, Autor von „The Dawn of Eurasia“ und ehemaliger Europaminister Portugals: „Es gibt zwei Dinge, die jeder über die Belt and Road Initiative wissen muss. Erstens, wie Beamte in Peking Ihnen sagen werden, wird dieses großartige Projekt in Jahrzehnten gemessen. Der Abschluss ist für 2049 geplant, dem 100. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China. Zweitens ist die Initiative sowohl global als auch revolutionär. Ziel ist es, eine neue Ordnung in der Weltpolitik und der Weltwirtschaft zu schaffen.“

Chinas Außenminister Wang Yi verkündete 2019, 126 Länder und 29 internationale Organisationen hätten bereits Verträge mit Peking im Rahmen der Belt and Road Initiative geschlossen. Demnach verbindet der Bahn-Express für den Transport von Gütern zwischen China und Europa mittlerweile 62 Städte in der Volksrepublik mit 51 Städten in Europa. Der Wert der Fracht übersprang im Jahr 2018 den Wert von 30 Milliarden Euro. Italien ist als erstes G7-Land Mitglied der BRI, Griechenland und Ungarn haben bereits Kooperationsvereinbarungen unterzeichnet.

Für uns Europäer übersetzt: China hatte einen revolutionären Plan, eine große Vision, und den Ehrgeiz, das eigene Land aus der Armut heraus zu katapultieren und gleichzeitig den asiatischen Kontinent mit der Welt besser zu verbinden.Was 1978 begonnen hat und 2049 enden soll, ist nichts anderes, als das größte Infrastrukturprojekt der Menschheitsgeschichte. Was ist Europas Zukunftsplan? “Der Grüne Deal”, auf den sich Brüssel gerade geeinigt hat? Nach Corona-und anschließender Wirtschaftskrise wird der nicht genügen, um wettbewerbsfähig zu bleiben gegenüber Asien.

“Die Seidenstraße” fordert keine Menschenopfer, sie befreit Menschen aus der Armut. Chinas größter Erfolg seit Beginn der Wirtschaftsreformen vor 42 Jahren ist die Abschaffung der Armut für mehr als 700 Millionen Chinesen. Diese Zahl entspricht über 70 Prozent der erfolgreichen Armutsbekämpfung weltweit in diesem Zeitraum. “Chinas Rekorde bei der Armutsbekämpfung sind beispiellos in der Menschheitsgeschichte”, so Wang Yiwei, Professor an der School of International Studies der Renmin University. Gegenüber Xinhua News sagt er: “Zwischen 1978 und 2017 wuchs Chinas Wirtschaft mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 9,5 Prozent und wuchs fast auf das 35-fache Volumen.”

Wie sieht es mit der Armutsbekämpfung aus?

Laut den jüngsten Zahlen von Eurostat ist eine von fünf Personen in der Europäischen Union von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht–insgesamt 109,2 Millionen Menschen. Diese Situation variiert von einem EU-Staat zum anderen. In sieben Mitgliedstaaten sind mehr als ein Viertel der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht: In Bulgarien (32,8%) ist das Risiko am größten, gefolgt von Rumänien (32.5%), Griechenland (31.8%), Litauen (28,3%), Italien (27,3%) und Spanien (26,1%).Der 5. Armuts-und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2017 zeigt, dass in Deutschland 19,7 Prozent der Bürger von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen sind. Die Kinderarmut liegtbei 20,1%. Jedes fünfte Kind! Und diese Zahlen stammen aus der Vor-Covid-19 Welt.

Europa ist ein Gewinner der Eurasischen Allianz. Kanzlerin Merkel reiste bereits achtmal nach China, chinesische und deutsche Kabinette treffen sich jährlich zum gemeinsamen Austausch. Adidas verkauft in Schanghai mehr Schuhe als in der Schweiz und Österreich zusammen. Siemens investiert seit Jahren kräftig in die “Seidenstraße”. Die Europäische Zentralbank hat ihre Reserven mit Remnibi-Käufen erhöht.

>China investiert mehr in Europa als in den USA. Im Zeitraum von 2005 bis 2019 entfielen rund 395,8 Milliarden Dollar der chinesischen Direktinvestitionen auf Europa – und damit mehr als auf jede andere Region weltweit. Die asiatische Wirtschaftszone von der Arabischen Halbinsel und der Türkei im Westen bis nach Japan und Neuseeland im Osten und von Russland im Norden bis nach Australien im Süden macht heute 50 Prozent des globalen Bruttoinlandproduktes und zwei Drittel des globalen Wirtschaftswachstums aus.

Peter Frankopan, Historiker und Oxford-Professor für Weltgeschichte, ist überzeugt: “Wir leben bereits im ‘asiatischen Jahrhundert’. Die wichtigsten Fragen unserer Zeit, werden zunehmend in Peking beantwortet. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe.”In seinem Buch “Die neuen Seidenstraßen” schreibt er: “Manche Projektionen gehen davon aus, dass bis 2050 das Pro-Kopf-Einkommen in Asien um das Sechsfache wachsen könnte. Damit wären zusätzliche drei Milliarden Asiaten wohlhabend.“ Die Weltordnung im 21. Jahrhundert wird nicht länger vom Westen bestimmt – bestenfalls noch mitbestimmt. „BRI ist das bedeutendste diplomatische Projekt des 21. Jahrhunderts, das der Gründung der Vereinten Nationen und der Weltbank Mitte des 20. Jahrhunderts sowie des Marshall-Plans in einem entspricht“, so Pradag Khanna. „Der entscheidende Unterschied: Es wurde in Asien konzipiert und in Asien eingeführt und wird von Asiaten geführt. Dies ist die Geschichte einer ganzen Seite des Planeten –der asiatischen Seite –und ihrer Auswirkungen auf die Welt des 21. Jahrhunderts.“Die Frage,die die Europäische Union blitzschnell beantworten sollte, ist: Sind wir bereit for the next big thing–bekennen wir uns zu einem Eurasischen Zeitalter oder übergeben wir den Staffelstab komplettan Asien?

Quellen Bücher: Parag Khanna: „Unsere asiatische Zukunft“. Rowohlt Berlin / Bruno Maçães, „The Dawn of Eurasia“, Allen Lane (Englisch) / Peter Frankopan, “Die neuen Seidenstraßen”, Rowohlt Berlinifo institut und IHK Bayern (Studie von 2019), Eurostat Armutszahlen, Statista, Xinhua News, 5. Armuts-und Reichtumsbericht der Bundesregierung, The Belt and Road Initiative.

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Sibylle Barden, die Autorin, ist ausgebildete Journalistin und verfügt über einen Master of Business Administration. Sie arbeitete als Print und TV-Redakteurin, Unternehmenssprecherin und Marketing-Leiterin an der deutschen Botschaft in London. Seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise richtet sich ihr Fokus auf die Disruption politischer, institutioneller und sozialer Werte. Sie organisierte mit der Economist Group eine globale Kampagne zur Verbesserung der Finanzindustrie. Ihr erstes Sachbuch über erfolgreiche Krisenbewältigungen erschien im Herbst 2016 bei dtv. Ein Yale-Kurs mit Obamas Finanzminister Timothy Geithner zur Globalen Finanzkrise inspirierte sie zu ihrem ersten Roman, der als Wirtschaftsthriller unter dem Titel „Der Honiganzeiger“ 2019 erschienen ist, in ihm zerstört das tödliche Honiganzeiger-Virus erst Leben, dann unsere Weltordnung. Europa zerbricht, und im Jahr 2028 teilt sich das reichste Prozent der Welt diese untereinander auf.

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