Steffen Seichter über Nachhaltigkeit in der Hotellerie

Die Nachhaltigkeitsdiskussion hat längst auch die Hospitalitybranche erfasst. Inzwischen haben viele Beherbergungsbetriebe begriffen, das man mit „Sustainibility“ Aufmerksamkeit bei den Gästen gewinnen kann. Doch was unterscheidet den inzwischen fast inflationär benutzten Begriff der Nachhaltigkeit als Marketingbegriff von einer „echten“ Nachhaltigkeit?

Die Scandic Hotels haben in ihren Häusern Standards in diesem Bereich gesetzt und treten den Beweis an, dass Klimaschutz, nicht nur eine Worthülse ist, sondern richtig angewendet, eine sinnvolle Investition ist, mit der man – bei zunehmend steigenden Energiekosten – mittel- und langfristig spart. Und dies übrigens nicht zu Lasten des Komforts. GreenMAG Chefredakteur Frank Tetzel hat mit Steffen Seichter, Director Sales & Marketing Scandic Berlin Potsdamer Platz, gesprochen.

GreenMAG: Herr Seichter, was versteht man bei Scandic unter dem Begriff Nachhaltigkeit?

Seichter: Ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept besteht für Scandic aus einer ökologischen, ökonomischen und sozialen Ebene. In jedem Punkt ist der Aspekt der Verantwortung entscheidend: Für eine lebenswerte Zukunft müssen proaktive Schritte für mehr Nachhaltigkeit unternommen werden – dies gilt vor allem in der kommerziellen, konsumorientierten Reisebranche. Deshalb haben wir uns u.a. das große Unternehmensziel auferlegt, unsere CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen bis 2025 auf null zu senken.

Nachhaltigkeit bedeutet für uns, als Wirtschaftsakteur die Ressourcen zu schonen und zudem großen Wert auf die die Natur und den Menschen schützende Maßnahmen zu legen. So etwa ist auch Barrierefreiheit für uns eine Selbstverständlichkeit. Gemeinsam mit unseren Mitarbeitern setzen wir Umweltschutz und soziale Ideen im Alltag um, denn wir denken, dass Nachhaltigkeit jeden angeht. In der Hotellerie sind wir durch den regen Gästekontakt in der tollen Position, viele Menschen (auf skandinavisch-charmante Art) auf Nachhaltigkeit und einen bewussten Umgang mit Ressourcen aufmerksam machen und inspirieren zu können.

Scandic-Aussenansicht GreenMAG Interview: Nachhaltigkeit ist unsere Verantwortung. Scandic Hotels wollen 2025 Null Emissionen in ihren Häusern Lifestyle Die Scandic Hotels wollen ihre Emissionen in den kommenden elf Jahren auf Null senken.

GreenMAG: Die skandinavische Herkunft des Unternehmens steht damit im Zusammenhang?

Hmm, eine der Kernprodukte Sandinaviens ist der Wald. Der Begriff Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft. Insofern ist die Nachhaltigkeit in Skandinavien etwas ganz natürliches und war immer Teil der Gesellschaft. Bereits 1993 haben wir mit der Einführung der kettenweiten Handtuch-Policy Nachhaltigkeit fest in unser Geschäftsmodell eingegliedert. Anfangs motivierte uns der Gedanke der finanziellen Einsparungen durch effizientes, ökologisch-sinnvolles Handeln. Abgesehen von den allein darin liegenden Potenzialen, wurde durch die Umstellungen der Umfang der alltäglichen Ressourcenverschwendung erst recht deutlich. Dieses Wachrütteln forcierte ein noch konsequenteres Nachhaltigkeitskonzept, mit dem auch wir als großer touristischer Akteur den Umweltschutz voranstellen.

GreenMAG: Herr Seichter, wenn wir über Nachhaltigkeit im Bereich der Hotellerie sprechen, dann umfasst das ja nicht nur die üblichen Handtücher, die vom Gast entweder auf den Boden geworfen oder wieder an den Haken gehängt werden. Wie viele Einzelpositionen werden abgeklopft?

Seichter: Bei Scandic erfassen und bearbeiten wir alle Aspekte des Hotelbetriebes: Schon beim Bau oder der Renovierung unserer Häuser setzen wir nachhaltige Ziele: Im Einzelnen verfolgen wir unter anderem eigens entwickelte Standards (SEREC – Scandic Environmental Refurbishment and Construction Standards), sowie im Großen das übergeordnete Ziel aller Scandic-Häuser, unsere CO2-Emissionen bis 2025 auf Null zu senken. Bei Neubauten sind alle verwendeten Materialien hinsichtlich Herstellung, Transport, Lebensdauer und Recycling nachhaltig konzipiert; ältere Häuser werden auf Basis dieses Ansatzes stetig modernisiert.

GreenMAG: Aber Sie sind ja nicht allein auf der Welt, was machen Sie mit Zuliefern und Partnern?

Seichter: Na klar, wir legen Wert darauf, dass unsere Lieferanten und Partner ebenso agieren wie wir: Sie werden durch einen „Code of Conduct“ hinsichtlich ihres nachhaltigen Handelns untersucht, bestimmt und gebunden. Dazu kommen etliche Einzelmaßnahmen. Beispielsweise im Food und Beverage Bereich: Durch individuelle Maßnahmen und Angebote („Scandic-Wasser“, Lobby-Shop statt Zimmer-Minibar, Fair Trade-Kaffee und -Tee, großer Anteil an Bio- und Organic-Produkten beim Frühstück, Verzicht auf Einwegverpackungen, Boykott von Großgarnelen und Palmöl) verfolgen wir ganz praktisch das Nachhaltigkeitskonzept. Im laufenden Betrieb des Hauses setzen wir auf 100-prozentigen Einsatz von Perlatoren, Ökostrom (in Deutschland von Greenpeace Energy), LED-Technik, Bewegungsmeldern, Klimaanlagen (u.a. Fernwärme und Fernkälte). Wir sind mit dem DGNB-Silberzertifikat ausgezeichnet.

GreenMAG: Hübsch, wenn man das alles so von sich behauptet, werden Sie zertifiziert? 

Seichter: Die Häuser in Berlin und Hamburg tragen aktuell Zertifikate von EMAS – unser Berliner Haus – , Green Globe, VDR (Certified Green, Certified Business, Certified Conference), EU Flower, Green Brands, DGNB (Silber-Medaille) sowie dem Deutschen priv. Institut für Nachhaltigkeit und Ökonomie- unser Hamburger Haus. Wir unterziehen uns den individuellen, regelmäßigen Prüfungs- und Validierungsprozessen.

GreenMAG: Was bedeuten die Zertifizierungen für das Haus, seinen Erfolg und die Außenwahrnehmung?

Seichter: Da wir im Sinne der Nachhaltigkeit bewusst auf Hotelsterne verzichten, bieten die Zertifizierungen eine gute, alternative Orientierungshilfe für unsere Kunden und Gäste. Da jedes Zertifikat andere Schwerpunkte setzt, decken wir mit ihnen insgesamt alle Märkte, Branchen und Segmente ab. In puncto Renommee haben wir in der Touristik-Branche viele namhafte Zertifikate, die uns als nachhaltigen Akteur anerkennen und unsere Glaubwürdigkeit unterstreichen.

GreenMAG: Welche Vorteile und Nutzen ziehen Sie als Unternehmens aus den Themen Nachhaltigkeit und bei den Zertifizierungen  für die Hotelgruppe?

Seichter: Gerade im Bereich Nachhaltigkeit erreichen wir durch Zertifizierungen ein höheres Niveau an Vertrauen in die Marke Scandic und die Akzeptanz unserer Konzepte. Die Zertifikate schaffen Orientierungshilfen und Transparenz. Da wir bestimmte Labels für alle Hotels voraussetzen, schaffen wir auch Wiedererkennungswerte, egal in welchem Land der Gast bei Scandic übernachtet. Zusätzlich haben die Zertifikate auf Marketingebene einen positiven Effekt innerhalb der Kommunikation. Intern haben wir darüber hinaus den Nutzen der Vergleichbarkeit und des Benchmarkings.

GreenMAG: Worin liegt insgesamt die unternehmerische Verantwortung?

Seichter: Wir empfinden aufgrund unserer Unternehmensgröße von aktuell 230 Hotels eine große gesellschaftliche Verantwortung. Gegenüber unseren 13.000 Mitarbeitern, den mehreren Millionen Gästen, den Lieferanten und vor allem gegenüber der einmaligen Natur Skandinaviens und Europas übernehmen wir aktiv die Verantwortung. Aus der Ressourcenschonung ergibt sich für uns auch eine wirtschaftliche Verantwortung. Zudem sehen wir uns in der Pflicht, die Menschen durch einen entspannten, nachhaltigen und trotzdem komfortablen Aufenthalt selbst zu einem bewussteren Umgang mit der Natur anzuregen. Wir tragen daher auch eine ideelle Verantwortung.

GreenMAG: Was sagen Sie zu der Bedeutung der Nachhaltigkeit für die Gegenwart und Zukunft der Hotellerie?

Seichter: Die Nachhaltigkeit in der Hotellerie ist durch die mangelnde Unterstützung der Reisebranche noch nicht optimal repräsentiert (es gibt bisher keine Filterfunktionen z.B. bei HRS, Hotel.de, Booking etc.). In der Zukunft wird Nachhaltigkeit ein Standard sein müssen, um das Vertrauen der Gäste zu gewinnen und zu behalten.

GreenMAG: Herr Seichter, wir danken für dieses informative Gespräch

Über den Autor

Frank Tetzel ist Chefredakteur von FAIReconomics. Seine Schwerpunkte liegen auf den Themen: Energie, Mobilität, Tourismus, Arbeit und Stadt der Zukunft.

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