Peter Terium, der Vorstandschef von RWE, baut seinen Konzern um. (Foto: RWE)

Deutschlands zweitgrößter Energieversorger RWE plant einen radikalen Umbau. Der Vorstand hat beschlossen, die Geschäftsfelder erneuerbare Energien, Netze und Vertrieb in einer neuen Tochterfirma zu bündeln, teilte das Unternehmen heute in Essen mit. Die Pläne müssen noch vom Aufsichtsrat beschlossen werden. Ähnliche Schritte hatte zuvor schon E.on unternommen. 

Das Kontrollgremium tagt Ende kommender Woche. Die Essener beabsichtigen darüber hinaus, einen Anteil von zehn Prozent der neuen Tochtergesellschaft über eine Kapitalerhöhung an die Börse zu bringen.

Damit wolle das Unternehmen eine Wachstumsplattform mit eigenem Zugang zum Kapitalmarkt schaffen, heisst es in einer Mitteilung des Unternehmens. Das stärke die Zukunftsfähigkeit des Gesamtkonzerns.

Die neue Tochtergesellschaft werde voraussichtlich gegen Ende des nächsten Jahres an der Börse eingeführt werden. Im Zuge einer Kapitalerhöhung sollen rund 10Prozent des Aktienkapitals platziert werden. Zeitgleich oder nachfolgend könnten weitere Anteile an der neuen Gesellschaft veräußert werden. Die Erlöse dienten der Finanzierung des weiteren Wachstums in Zukunftsmärkten. Die Haftungsmasse werde nicht verändert – mit Blick auf den Ausstieg aus der Kernenergie gewinne der RWE-Konzern jedoch mehr finanzielle Flexibilität bei der Bedienung der Rückstellungen. Die RWE AG werde langfristig Mehrheitsaktionär der neuen Gesellschaft bleiben und diese voll konsolidieren. Der Mutterkonzern werde sich auf die konventionelle Stromerzeugung und den Energiehandel konzentrieren. Der Plan steht noch unter Vorbehalt der Zustimmung des Aufsichtsrats der RWE AG.

„Unser nächster logischer Schritt“ 
„Der Konzernumbau ist unsere Antwort auf den Umbau der europäischen Energielandschaft“, sagt Peter Terium, Vorstandsvorsitzender der RWE AG. „Wir schaffen zwei zukunftsfähige Unternehmen unter einem Dach. Die neue Tochtergesellschaft mit eigenem Zugang zum Kapitalmarkt stärkt unsere Wachstumsperspektive. Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, dass die konventionelle Stromerzeugung noch über Jahrzehnte als Partner der erneuerbaren Energien unersetzlich sein wird. Unsere konventionellen Kraftwerke sind die Rückversicherung der Erneuerbaren.“

Terium weiter: „Wir haben RWE in den vergangenen drei Jahren zu einem finanziell stabileren, effizienteren und schnelleren Unternehmen gemacht, das näher an seine Kunden herangerückt ist. Wir gehen nun den nächsten logischen Schritt in unserem Transformationsprozess: Wir schaffen mit dem neuen Unternehmen eines der führenden innovativen Energieunternehmen Europas mit hoher Expertise im Management dezentraler Energiesysteme. In der neuen Struktur werden wir gleichermaßen unserer Verantwortung in der klassischen Energiewelt und den Bedürfnissen der Energiewelt von Morgen gerecht.“

„Wir stehen damit auch weiterhin zu unserer Verantwortung für die Kernenergie – die neue Struktur ändert daran nichts. Im Gegenteil, mit den Aktien der neuen Tochtergesellschaft haben wir in Zukunft sogar einen Vermögenswert, der uns noch besser in die Lage versetzt, bei Bedarf unsere Rückstellungen zu bedienen – in welcher Konstellation auch immer.“

Neue Gesellschaft wird drei Säulen haben
Die neue Tochter wird ein integrierter Energiekonzern mit drei Standbeinen sein: Der Geschäftsbereich Erneuerbare Energien umfasst ein Portfolio mit einer Stromerzeugungskapazität von mehr als 3,5 Gigawatt und einem starken Fokus auf Windenergie. Im Bereich Netze wird das Unternehmen mit einem modernen 550.000 Kilometer langen Verteilnetz einer der leistungsstärksten Betreiber in Zentraleuropa sein. Im Vertrieb wiederum wird die neue Gesellschaft über 23 Millionen Kunden in zwölf europäischen Märkten verfügen und zu den Schrittmachern innovativer Kundenlösungen zählen. Auf Basis der für 2015 erwarteten Zahlen würde die neue Gesellschaft einen Umsatz von mehr als 40 Mrd. € und ein EBITDA von über 4 Mrd. € erzielen. Sie würde rund 40.000 der knapp 60.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des RWE-Konzerns beschäftigen.

Das Know-how der Energiewende exportieren
Die neue Gesellschaft soll ihren Unternehmenssitz voraussichtlich wie die RWE AG in Essen haben. RWE will damit sein langfristiges Bekenntnis zum Industriestandort Nordrhein-Westfalen, dem Zentrum der deutschen Energiewirtschaft, unterstreichen. Als Wachstumsplattform soll das Unternehmen auch ein Beitrag zur Sicherung von Arbeitsplätzen im gesamten RWE-Konzern und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze im In- und Ausland werden. Die neue Tochter soll die Erfahrungen der Energiewende nutzen und das gewonnene Know-how auch in ausgewählte Märkte wie zum Beispiel die MENA-Region (Middle East North Africa) exportieren.

Die Rückversicherung für die Erneuerbaren

Der Mutterkonzern RWE AG werde sich künftig auf die konventionelle Stromerzeugung und den Handel konzentrieren. Das Unternehmen werde damit einen wesentlichen Beitrag zur Sicherheit und Flexibilität des gesamten Energiesystems leisten und mit seinen Kraftwerkskapazitäten ein Schlüssel für eine erfolgreiche Energiewende sein. Aufgrund des anhaltenden Drucks auf die Großhandelsstrompreise seien in der konventionellen Stromerzeugung zusätzliche signifikante Einsparungen identifiziert worden. Auch der profitable Handel mit Energie und Rohstoffen bleibe Kerngeschäft, nicht zuletzt um den Einsatz der eigenen Kraftwerkskapazitäten zu optimieren. RWE kann durch die Neuaufstellung finanziell noch besser zu seiner Verantwortung mit Blick auf Auslaufen der Kernenergie stehen.

Börsengang gegen Ende des Jahres 2016

Die neue Tochtergesellschaft werde gegen Ende des nächsten Jahres eine Börsennotierung anstreben, heisst es in der Mitteilung von RWE. Der Erlös aus der Kapitalerhöhung diene der Wachstumsfinanzierung. Die Investitionen sollen vor allem auf die großen Trends der Energiewelt einzahlen, das Wachstum der Erneuerbaren, die Dezentralisierung und die Digitalisierung. Der Schwerpunkt werde bei den erneuerbaren Energien liegen, aber auch der weitere Ausbau des modernen Stromverteilnetzes und die Entwicklung innovativer Kundenangebote bekämen einen hohen Stellenwert. Über die Kapitalerhöhung hinaus werde im Zeitverlauf die Platzierung weiterer Aktien möglich, die Kapitalmehrheit der neuen Gesellschaft bleibe  aber bei der RWE AG.

„Das neue Unternehmen wird ein attraktiver Dividendenwert werden und auch die Finanzkraft der RWE AG stärken“, sagt Peter Terium. „Die Kapitalerhöhung stärkt unsere Investitionskraft. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir mit dem klaren Fokus auf unsere Zukunftsfelder und dem zusätzlichen Investitionskapital eine Wertsteigerung für den Gesamtkonzern erzielen werden. Der Börsengang liegt somit im Interesse aller unserer Stakeholder.“

Das neue Unternehmen soll als eigenständige internationale Gesellschaft den operativen Geschäftsbetrieb voraussichtlich im Laufe des Jahres 2016 aufnehmen. Der Konzernumbau soll im Sinne der bewährten Sozialpartnerschaft in enger Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmervertretern erfolgen.

Über den Autor

Frank Tetzel ist Chefredakteur von FAIReconomics. Seine Schwerpunkte liegen auf den Themen: Energie, Mobilität, Tourismus, Arbeit und Stadt der Zukunft.

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