Im Reichskanzlerpalais in der Berliner Wilhelmstrasse fand die koloniale Aufteilung Afrikas statt. (Foto: Grüße aus Berlin und Umgebung, Verlag Kunstanstalt W. Sommer, Berlin-Schöneberg 1898)

In Berlin hängt häufig alles mit allem zusammen. Das mag nach Binsenweisheit klingen, doch gerade im Berliner Bezirk Mitte ist dies auf Schritt und Tritt zu spüren. Natürlich nehmen die Einheimischen kaum noch Notiz davon, wenn sie beispielsweise an einem ganz normalen Mittag in die Peking Ente, einem Treffpunkt für Büroleiter und Mitarbeiter des Bundestages, an die Ecke Wilhelmstrasse/Vosss-Strasse zum Lunch streben oder in die gegenüberliegende Ecke in die Mall of Berlin strömen.

Die Berliner Wilhelmstrasse, vor allem zwischen der Behrensstrasse und der Mohrenstrasse ist im Berlin des Jahres 2018 nicht unbedingt das, was man eine Vorzeigestrasse nennt Die Schlacht um Berlin am Ende des Zweiten Weltkriegs hat tiefe Wunden hinterlassen, die DDR ließ hier erst 1988 eine Reihe von Plattenbauten  errichten, zu nah schien den Mächtigen die Grenze zu Westberlin, Der Architekt Helmuth Stingl errichtete die rund tausenden Wohnungen, damals  das zweitgrößte zusammenhängende Neubaugebiet in der damaligen Hauptstadt der DDR

Historisch vermintes Gelände

Auf der gegenüberliegenden Seite des Strassenabschnittes befinden sich derzeit noch zwei repräsentative Bauten, zum einen das ehemalige Geheime Zivilkabinett, in der Wilhelmstrasse 54, das einst das persönliche Büro des Königs von Preußen und (ab 1871) des Deutschen Kaisers beherbergte. Man würde seine  Funktion heute wohl mit dem Bundespräsidialamt gleichsetzen. Zum zweiten das Gebäude des jetzigen Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, ursprünglich ein Adelspalais, in der Weimarer Republik war hier die Presseabteilung des Reichsregierung untergebracht und später, unter Joseph Goebbels, das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Nach dem Zweiten Weltkrieg, stark zerstört, wurde das Gebäude wiedererrichtet und der Zentralrat der Nationalen Front zog hier ein. Übrigens, das Arbeitszimmer von Wilhelm Pieck, dem ersten Präsidenten der DDR ist immer noch erhalten.

Die Wilhelmstrasse war bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges so etwas wie die Downing Street für London, die Regierungs- und Machtzentrale für das Deutsche Reich. Das Auswärtige Amt hatte hier seinen Sitz ebenso lag hier die Reichskanzlei, das Reichskolonialamt und etwas weiter südlich das Prinz Albrecht Palais, das als Sitz der Geheimen Staatspolizei während des Dritten Reiches traurige Berühmtheit erlangen sollte.

Fehlende Gedenkorte

Einen wirklich historisches Wegeleitsystem durch das ehemalige Regierungsviertel gibt es nicht, auch um eventuell den „ewig Gestrigen“, die auf der Suche nach des Führers Bunker sind, nicht einen Gedenk- oder Versammlungsort zu geben. 

In Berlin hängt alles mit allem zusammen. Deshalb ist es sich nur eine kleine unauffällige Tafel, die an die sogenannte Berliner Konferenz erinnert, die am 15. November 1884 begann und bis zum zum 26. Februar 1885 im Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße 77 tagte. 

Hier wurde über die Zukunft Afrikas verhandelt. 

Während der„Berliner Konferenz“, andere nennen sie auch „Westafrika-Konferenz“ oder “Kongo-Konferenz“, haben neben Vertretern aus 13 europäischen Staaten sowie Gesandte aus den USA und des Osmanischen Reiches darüber beraten, wie sie zukünftig mit dem afrikanischen Kontinent umgehen wollten. Themen waren unter anderem die Handelsfreiheit im Kongobecken, freie Schifffahrt auf Niger und Kongo sowie Regelungen darüber, wie die europäischen Kolonialmächte neue Gebietsansprüche in einem geordneten Verfahren anmelden konnten.  

Auf der Berliner Konferenz legten die anwesenden Großmächte die Kriterien für die völkerrechtliche Anerkennung von Kolonialbesitz fest, die Folge war ein Run auf die noch nicht besetzten Gebiete des afrikanischen Kontinents und die Aufteilung des afrikanischen Kontinents in Einflusssphären. Auch Deutschland wollte dabei einen „Platz an der Sonne“ haben.  

Eingangs hatte der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck erklärt, bei der Konferenzeröffnung, dass das Ziel der Konferenz sei , „den Eingeborenen Afrikas den Anschluß an die Zivilisation zu ermöglichen, indem das Innere dieses Kontinents für den Handel erschlossen“ werde, frei nach dem Motto, alles was den Europäern nutze, nutze auch den Afrikanern. Übrigens: Natürlich war kein Afrikaner bei dieser Konferenz anwesend.

Zeitgenossen von damals sprachen auch von der „Balgerei um Afrika“ gesprochen, die hauptsächlich zwischen den europäischen Mächten ausgetragen wurden.  Das Hauptinteresse der europäischen Mächte richtete sich vor allem auf das Kongobecken, das ökonomisch für alle Staaten von besonderem Interesse war. Auch dies sollte man heute im Hinterkopf haben, wenn kurz vor Weihnachten 2018 Wahlen in der Demokratischen Republik Kongo durchgeführt werden. 

Die Entscheidungen über die willkürliche Aufteilung Afrikas im Interesse der Großmächte wirkt bis heute fort. Konfliktlinien wurden damals gezogen, die sich durch die koloniale Ausbeutung des Kontinents bis heute auswirken. 

Auch wenn Bismarck zunächst kein Förderer der deutschen Kolonialpolitik war, so nutzte er die Konferenz als Plattform, um die auftretenden inneneuropäischen Spannungen, die sich durch die Kolonialpolitik entwickelt hatten, zu entschärfen. Auf der Konferenz wurde insofern ein Status Quo bestätigt und die noch unbesetzten weißen Flecken definiert.

Natürlich war auch die deutsche Politik involviert. So wurden die durch den Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz unter fragwürdigen Umständen erworbenen südwestafrikanischen Besitzungen 1884, also im Jahr der Berliner Konferenz durch das Deutsche Reich unter „Schutz“. gestellt, es sollten im gleichen Jahr Togo und Kamerun folgen. Ein Jahr  später folgten die von Carl Peters erworbenen rostafrikanischen Gebiete. 

Nach Bismarcks Entlassung verstärkte der 1891 gegründete Alldeutsche Verband und der Deutsche Flottenverein mit zahlreichen Schriften, Vorträgen und Zeitungsartikeln ihre Forderungen nach einer expansiveren Kolonialpolitik. 

Unrühmliche Verstrickungen Deutschlands in Namibia

Eine der unrühmlichen deutsche Verstrickung in der Otto von Bismarck findet unter anderem seinen Ausdruck in den politisch-juristischen Auseinandersetzungen, die die Bundesregierung über die Folgen des Völkermordes an den Herero und Nama Anfang des 20. Jahrhunderts führt. 

So sind im heutigen Namibia, zwischen 1904 und 1908 rund 40.000 bis 60.000 Menschen von den deutschen Schutztruppen unter Führung des Generalleutnants Lothar von Trotha ermordet worden. Diese Taten galten als erste Völkermorde des angehenden 20. Jahrhunderts. Lange brauchte die deutsche Bundesregierung, um dieses Verbrechen überhaupt als solches zu bezeichnen, Ausgleichszahlungen an die betroffenen Familien lehnt die Bundesregierung nach wie vor ab. Selbst als die damalige Bundesministerin für Entwicklung Heidemarie Wiezoreck-Zeul in einer Gedenkansprache sagte :„Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde – für den ein General von Trotha heutzutage vor Gericht gebracht und verurteilt würde. Wir Deutschen bekennen uns zu unserer historisch-politischen, moralisch-ethischen Verantwortung und zu der Schuld, die Deutsche damals auf sich geladen haben. Ich bitte Sie im Sinne des gemeinsamen „Vater unser“ um Vergebung unserer Schuld.“, allerdings, wurde das, was die Ministerin damals sagte, semantische zumindest von der Bundesregierung so ausgelegt, dass die Ministerin zwar zugab, dass die Gräueltaten heute als Völkermord bezeichnet würden, damals eben aber eben keiner gewesen sei. Auch in den folgenden Jahren folgte die Bundesregierung dieser Argumentation, da man die Völkermordkonvention, die erst nach 1948 in Kraft getreten sei, nicht anwenden könne. Wie widersprüchlich die deutsche Politik in diesem Falle ist, zeigt die Resolution der Bundestages, die im Juni 2016 mit breiter Mehrheit die Resolution annahm, dass das Massaker an der Armeniern durch das Osmanische Reich Völkermord gewesen sei. 

Ausflüchte

Was das Thema Entschädigungen angeht, so folgt nach Auffassung der Bundesregierung keine Rechtspflicht auf Reparationen, sondern maximal politisch-moralische Verpflichtungen, die Wunden zu heilen. Inzwischen ist eine Klage  der nachfahren von Herero und Nama gegen die Bundesrepublik Deutschland vor einem New Yorker Zivilgericht anhängig, bei der die Nachfahren Entschuldigung und Reparationen fordern. 

Unabhängig von der Frage, wie der Prozess ausgehen wird, so war es an der Zeit, dass sich nun ein Verein gegründet hat, INspired2INspire Namibia & Afrika Verein, um die Erinnerung an die Berliner Konferenz und die schrecklichen Folgen, unter denen der Kontinent noch heute leidet, aufrecht zu erhalten.“Mit der Erklärung zur Rechenschaftspflicht vom 15. November 2018 werden junge und alte Freunde aus allen Bereichen des Lebens eingeladen, sich als „Rechenschaftspartner“ zu engagieren, um gemeinsam die konkrete Verantwortung mitzugestalten. Diese Schritte dienen dazu, die Schrecken, die im Namen unserer Länder während dieser vergessenen Daten und Ereignissen an den Menschen in Afrika begangen wurden, wieder gut zu machen.“, so heisst es in dem Aufruf zur Vereinsgründung. Denn wer die Wurzeln von Konflikten nicht kennt, kann nicht zu deren Lösung beitragen.

Über den Autor

Frank Tetzel ist Chefredakteur von FAIReconomics. Seine Schwerpunkte liegen auf den Themen: Energie, Mobilität, Tourismus, Arbeit und Stadt der Zukunft.

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