Der Jordan und sein Wasser sorgen immer wieder für Konflikte.

Nicht nur im Nahen Osten, auch in vielen anderen Gebieten der Erde, ist der Zugang zu Wasser, lebensnotwendig für die Bevölkerung. Im Nahen Osten, also in Israel, Jordanien, im Gaza Streifen und in Syrien ist die Erreichbarkeit des nassen Elements nicht nur eine technische, sondern eine politische Frage, die erheblichen Konfliktstoff bietet.

Eine ausreichende Wasserversorgung gilt bei über 2500 Kubikmeter (m³) pro Person als gewährleistet. Doch die vor allem durch ein Trockenklima geprägten Staaten des Nahen Ostens leiden unter Wasserknappheit, von sogenanntem Wasserstress betroffen sind Staaten, in denen zwischen 1.000 und 1700 m³ pro Person zur Verfügung stehen. Wassermangel definiert man, wenn weniger als 1000 m³ zur verfügung stehen. Laut dem Weltentwicklungsbericht der Vereinten Nationen zur Wasserversorgung beträgt der durchschnittliche Wasserverbrauch pro Einwohner 60 m³ in den palästinensischen Gebieten 300 m³ in Israel und 600 m³ in den israelischen Siedlungen im Westjordanland.

Jordan – Lebensader des Nahen Ostens

Im Nahen Osten spielt der Jordan eine überaus große Rolle, wenn es um die Wasserversorgung geht. Die Quellflüsse des Jordans sind der Hasbani im Libanon, der Dan im nördlichen Israel und der Hermonfluss, auch Banyas genannt, im nördlichen Golan. Sie entspringen alle im Hermongebirge. Sie vereinigen sich in der Gegend um Sede Nehemija zum Jordan, der danach in Nord-Süd-Richtung Nordgaliläa durchquert und bei Bethsaida in den See Genezareth eintritt, den er durchfließt. Südlich des Sees tritt er in den Jordangraben ein, nimmt dort die Zuflüsse Jarnuk und Jabok auf und mündet südöstlich von Jericho ins Tote Meer. Der Jordan ist 251 Kilometer lang und sehr Kurvenreich. Er bildet an seinem südlichen Flussverlauf an vielen Stellen die Grenze zwischen Israel und Jordanien. Im Norden fließt er entlang der israelisch besetzten und von Syrien beanspruchten Golanhöhen.

Nationale Sicherheit und Lebensgrundlage

Für Israel ist das Wassermanagement  eine Frage der nationalen Sicherheit. Vor 50 Jahren wurde der „National Water Carrier“ errichtet, ein Kanalsystem, durch das Wasser aus dem Norden des Landes in die Wüste Negev im Süden geleitet wird. Dafür entnimmt man pro Jahr 320 Millionen m³ Wasser aus dem See Genezareth. Doch Israel stand mit seinen Wasserplänen nicht allein. Im Libanon, in Syrien und in Jordanien wollte man den Nebenflüssen des Jordan Wasser zu entnehmen. Das hat schon einmal zum Krieg geführt. Zwischen 1965 und 67 zerstörte die israelische Luftwaffe die Baustellen in Syrien und Jordanien, um die uneingeschränkte Wasserversorgung Israels zu sichern. Die Wasserfrage war dann  im Juni 1967 ein Grund zum Sechstagekrieg.

Für den Staat Israel waren die Gebietsgewinne auch von wasserpolitischer Bedeutung. Heute stammen 57 Prozent der Wasserressourcen Israels aus Gebieten außerhalb der Grenzen von vor 1967. So gelangte durch die Besetzung der syrischen Golanhöhen sowohl der See Genezareth als auch einige Quellen des Jordan unter israelische Kontrolle. Im vom Israel besetzten Westjordanland hat man nun Zugang zum Westufer des Jordan und zum dortigen Grundwasser

Grundwasservorkommen

Neben dem Oberflächenwasser des Jordans spielen die Grundwasservorkommen eine wichtge Rolle in der Region. Es gibt zwei Grundwasservorkommen in Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten: Den Küsten-Aquifer und den Berg-Aquifer. Letzterer besteht aus drei Teilen. Der größte davon, der westliche Aquifer, wird in palästinensischem Gebiet aufgefüllt, fließt jedoch nach Westen ab was Israel begünstigt. Das Wasser des östlichen Aquifers fließt Richtung Jordan, also ins Westjordanland. Diesen drei Grundwasserleitern werden insgesamt etwa 700 Millionen m³ Wasser pro Jahr entnommen, das ist die doppelte Menge, wie durch den National Water Carrier dem Jordan entnommen wird.

Dem Küsten-Aquifer, der unter Israel und dem Gazastreifen verläuft, werden noch einmal etwa 500 Millionen m³ Wasser pro Jahr entnommen. Nur etwa zehn Prozent dieses Grundwasserleiters befinden sich unter dem Gazastreifen. Dieses Grundwasservorkommen ist gekennzeichnet von einer übermäßiger Entnahme. Er füllt sich nicht mehr auf und der Grundwasserspiegel sinkt pro Jahr um etwa 15 Zentimeter. Es ist unschwer zu erkennen, dass das Wasser in der Region ungleich verteilt ist. Seit längerem existiert einen sogenannten „Friedenskanal“ zu errichten, durch den Wasser aus dem Roten Meer ins Tote Meer geleitet werden soll.  Das Wasser auch zur Bewässerung und Stromgewinnung dienen, was im Falle einer Einigung Israel, den Palästinensischen Autonomiegebieten und Jordanien zugute käme. Ein weiterer Hintergrund: Bis 2050 droht das Tote Meer ganz zu verschwinden, auch deshalb möchte man diesen 180 Kilometer langen Kanal errichten.

Forscher sehen Änderungen durch Klimawandel

Nun kam ein internationales Forscherteam zu weiteren interessanten Ergebnissen in der Region. So könnten durch den Klimawandel bedingt, die Trinkwasserressourcen auf der jordanischen Ostseite des Toten Meeres stärker zurückgehen als auf der Israelisch-Palästinensischen Westseite. Die Wissenschaftler haben die Wasserflüsse des Toten Meeres bilanziert. Die natürliche Neubildung des Grundwassers würde sich durch geringere Niederschläge in Zukunft drastisch reduzieren, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt „Science of the Total Environment“. Thilo Arnold, vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung un Halle:

„Schon heute reichen die verfügbaren Grundwasserressourcen in der Region nicht aus, um den wachsenden Wasserbedarf von Bevölkerung und Landwirtschaft zu decken. Eine weitere Verschärfung der Lage könnte daher starke soziale, ökonomische und ökologische Folgen für die Region haben.

Wichtige Daten für die Wasserversorger
Eine zuverlässige Bestandsaufnahme ist die Basis für eine nachhaltige Nutzung der Wasserressourcen rund um das Tote Meer im Grenzgebiet Israel/Palästina/Jordanien. Der am tiefsten gelegene See der Erde ist nicht nur eine der wichtigsten Touristenattraktionen im Nahen Osten, auf die unterirdischen Wasserressourcen in dessen Einzugsgebiet sind auch mehr als vier Millionen Menschen angewiesen. Die komplexe Hydrologie der Region barg lange große Unsicherheiten in der Wasserbilanz der Region und birgt diese zum Teil noch immer. Durch verbesserte Computersimulationen konnten die Wissenschaftler nun erstmals überregional ermitteln, wieviel Wasser tatsächlich im Untergrund versickert und damit die Grundwasserspeicher regeneriert. Es sind etwa 281 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Damit ist jetzt auch die Menge bekannt, die maximal entnommen werden dürfte, um diese Ressource nachhaltig zu bewirtschaften.

Ein kompliziertes Puzzle aus vielen Einzelteilen
Zur Wassergewinnung wurde seit den 1960iger Jahren ein Großteil der Zuflüsse des Toten Meeres aufgestaut, um zu vermeiden, dass das kostbare Nass im Salzsee verloren geht. Diese scheinbare Rettung von Wasser hat aber zur Folge, dass der Wasserspiegel des Sees um etwa einen Meter pro Jahr absinkt und mit ihm die Grundwasserpegel, wodurch Jahrtausende alte Süßwasserquellen versiegen. Soviel war bisher sicher. Unklar war jedoch, wie sich die Absenkung auf die nutzbaren Grundwassermengen genau auswirkt. Deshalb kombinierte das Team von Forschern aus Deutschland, Israel, Jordanien und Palästina im Forschungsprojekt SUMAR in den vergangenen fünf Jahren umfangreiche Vor-Ort-Messungen, Fernerkundungsmethoden und Computermodellierungen miteinander.

Weg des Wassers detektivisch nachverfolgt
Die Quellen am und im Toten Meer wurden mithilfe von Infrarotsensoren per Flugzeug und Satellit sowie mit chemischen und isotopischen Methoden untersucht. „Insbesondere durch die Analyse von Seltenen Erden konnten wir die Herkunft des Wassers und dessen Wege durch den Untergrund verfolgen. So konnten wir nicht nur 37 Stellen lokalisieren, an denen Grundwässer ins Tote Meer strömen, sondern kennen nun auch deren individuelle Geschichte. Das war wichtig, um herauszufinden, wieviel Süßwasser unterirdisch in den Salzsee fließt und damit nicht mehr für die Trinkwasserversorgung zur Verfügung steht“, berichtet Dr. Christian Siebert vom UFZ. „Gerade die letzte Passage, bevor das aus dem Gebirge kommende Wasser den See erreicht, hat uns lange beschäftigt. Hier mischen sich aus der Tiefe aufsteigende Salzwässer hinzu, Salzminerale lösen sich. Aber gemeinsam mit Kollegen des Max-Planck-Institutes in Bremen sind wir auch den biogeochemischen Prozessen auf die Spur gekommen, welche die Grundwässer nachhaltig verändern“, so der Hydrogeologe.

Computermodelle ermöglichen eine Gesamtbilanz
Alle verfügbaren Daten landeten schließlich in Computermodellen, die die Situation des knapp 7000 Quadratkilometer großen unmittelbaren Einzugsgebietes des Toten Meeres so genau wie nie zuvor wiedergeben konnten. Die größten Herausforderungen bestanden in der unregelmäßigen Besiedelung und der damit verbundenen lückenhaften Datenlage. Während in und um Ballungszentren wie Jerusalem und Amman die Dichte an Messstationen sehr gut ist, gibt es weite Landstriche, die nur sehr dünn besiedelt sind, damit wenig Brunnen und auch kaum Daten zur Geologie oder Meteorologie. Doch insbesondere der Regen ist von großer Bedeutung. Die Region ist gekennzeichnet von kurzen, intensiven Niederschlägen, die häufig auf engstem Raum fallen. Deshalb wurden eigene Messstationen errichtet, um zusätzlich die daraus resultierenden Sturzfluten quantifizieren zu können. Am Grenzfluss Jordan entstand zudem eine umfangreiche Pegelmessstation in der Nähe einer der Taufstellen, zu der jedes Jahr Tausende Christen pilgern.

Düstere Prognosen für die Zukunft
Mithilfe der Modelle konnten die Wissenschaftler auch erstmals Aussagen zur möglichen Entwicklung der für die Region lebenswichtigen Grundwasserressourcen treffen: Im westlichen, dem  israelisch-palästinensischen Teil fällt fast doppelt soviel Niederschlag wie im östlichen -jordanischen – Teil des Einzugsgebietes. Entsprechend ist die Grundwasserneubildung momentan im Westen etwa 50 Prozent höher als im Osten. Klimaszenarien rechnen in der Zukunft mit einem Rückgang des jährlichen Niederschlages um etwa 20 Prozent. Das hätte zur Folge, dass nur noch die Hälfte der Menge in den Untergrund gelangen würde, die heute diese wichtigen Ressourcen auffrischt. Mit etwa 45 Prozent weniger ist in der israelisch-palästinensischen Westbank zu rechnen, während die jordanische Ostseite des Toten Meeres sogar fast 55 Prozent weniger Wasser zur Verfügung hätte. Vor allem in Jordanien könnte sich die soziale und ökonomische Situation also weiter verschärfen.

Recycling als Ausweg aus der Wasserkrise
Wasser sparen und wiederverwenden könnte daher ein Lösungsansatz sein, den UFZ-Forscher zusammen mit israelischen, palästinensischen und jordanischen Kollegen weiter entwickeln: So wurde im Forschungsprojekt SMART nach Wegen gesucht, um die Wasserversorgung im Nahen Osten zu stabilisieren. Das UFZ hat dazu neue Konzepte zur dezentralen Reinigung von Abwasser entwickelt und maßgeblich am Wassermasterplan Jordaniens, einem der wasserärmsten Länder der Welt, mitgearbeitet. Dabei wurde viel Wert auf die Anpassung des Abwasserbehandlungskonzeptes an die lokalen Bedingungen und die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Verantwortlichen vor Ort gelegt und eigens ein Implementierungsbüro im Jordanischen Wasserministerium in Amman eingerichtet.

Genezareth_Michael_panse Wassermanagement in Nahost: Quelle für Konflikte Energie und Wasser ZZMitteLinks Der Jordan fließt durch den See Genezareth. (Foto: Michael Panse / https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/deed.de by flickr.com)

Forschung wird fortgesetzt
Nach dem Abschluss des SUMAR-Projektes werden die Untersuchungen inzwischen im Rahmen des Projektes DESERVE (DEad SEa Research VEnue) von den Helmholtz-Zentren KIT (Karlsruhe), GFZ (Potsdam), UFZ (Halle) und lokalen Partnern fortgeführt. Ziel der Meteorologen, Hydrogeologen, Geologen und Geophysiker ist es, die Umweltrisiken, die Wasserverfügbarkeit und den Klimawandel ganzheitlich zu betrachten, um Lösungsansätze für eine einmalige Region zu bieten, damit nicht nur die biblischen Stätten auch in Zukunft noch besucht werden können, sondern auch die Menschen in dieser Region weiterleben können. Eine stabile Wasserversorgung ist also auch ein entscheidender Beitrag zur Befriedung des Nahen Ostens.

Ob dies einmal der geplante Kanal leisten wird, der Wasser aus dem Roten ins Tote Meer leiten soll, ist noch völlig offen. Die möglichen Folgen dieses Wasserimports sehen Wissenschaftler wie Christian Siebert kritisch: „So können wir beispielsweise nicht sicher sein ob sich das viel leichtere Ozeanwasser mit dem 10-fach salzigeren Wasser des Toten Meeres vermischt und welche biologischen und chemischen Prozesse ablaufen werden.“ Und auch die Auswirkungen auf die umliegenden Grundwässer sind umstritten.“

Über den Autor

Frank Tetzel ist Chefredakteur von FAIReconomics. Seine Schwerpunkte liegen auf den Themen: Energie, Mobilität, Tourismus, Arbeit und Stadt der Zukunft.

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