Dr. phil. Christoph Quarch, 1964 in Düsseldorf geboren, Philosoph, Theologe und Religionswissenschaftler, arbeitet freiberuflich als Autor, Publizist, Seminarleiter, Redner und Berater. Er ist Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Wir – Menschen im Wandel“ und Lehrbeauftragter für Ethik an der FH Fulda. Von 2000 bis 2006 war er Programmchef des Deutschen Evangelischen Kirchentags; von 2006 bis 2008 Chefredakteur von „Publik-Forum“. Autor und Herausgeber von über 30 Büchern. Christoph Quarch lebt mit seiner Familie in Fulda. (Foto: Nomi Baumgartl)

Beleidigtsein ist schick. Der Satz „Du hast mich beleidigt“ geht rasch über die Lippen. Unter Jugendlichen genauso wie unter Politikern. Und oft verfehlt er seine Wirkung nicht: Der so Beschuldigte fühlt sich als Täter, und der Beleidigte darf sich mit Wonne in der Rolle eines Opfers aalen. Ein böses Spiel, weil es die Tatsachen verdreht. „Der Zorn ist schändlicher als die Beleidigung, die ihn hervorrief“, sagt mit gutem Grund ein chinesisches Sprichwort.

Täter ist in Wahrheit der, wer sich beleidigt wähnt und das beklagt. Er nutzt sein subjektives Empfinden als Keule, mit der man ohne großes Risiko auf andere losgehen kann. Denn wer beschuldigt wird, ein Gegenüber zu beleidigen, hat beinahe keine Chance, diesem Vorwurf zu entkommen.

Einfach deshalb, weil sich das Beleidigtsein eines Menschen auf keine Weise messen oder objektiv bestimmen lässt. Die fiktive Demarkationslinie, die „Beleidigung“ von „Kritik“ oder „Veralberung“ trennt, kann ganz nach Belieben verschoben werden. Das macht „Beleidigtsein“ zu einer perfiden Waffe und deren Anwendung zu einem schier unlösbaren Problem für Juristen, die sich damit befassen müssen.

Ehre kann man nicht verletzen

Wie kann man dem Schlamassel beikommen? Vielleicht, indem man seinen Blick auf ein verwandtes Thema lenkt: die Ehre. Denn wer beleidigt ist, behauptet meistens, man habe seine Ehre angegriffen – oder ihn in seinerEhre verletzt. Was aber soll das eigentlich heißen? Wer so von „seiner Ehre“ redet, suggeriert, er habe sie, so wie er seinen Körper hat. Auch den kann man verletzen – und wer das tut, macht sich durchaus zum Täter. Doch diese Suggestion ist irreführend. In Wahrheit gibt es keine Ehre, die man haben könnte – und die ein anderer verletzen könnte, so wie man einem Körper eine Wunde schlägt.

Das hat schon Aristoteles gewusst. Gewiss, auch im alten Hellas kursierte die irrige Vorstellung von Ehre als Besitz und Eigentum. Das ist ein großes Thema der Gesänge des Homer. Die Ilias erzählt vom grenzenlosen Zorn des Achilleus. Sie ist ein Drama gekränkter Ehre, und ein verhängnisvolles  allzumal: zehn Jahre Krieg, nur weil ein Potentat sich nachhaltig beleidigt fühlte. Eigentlich sollten wir uns seither ein bisschen weiterentwickelt haben – meint jedenfalls Aristoteles, der mit seinem philosophischen Scharfsinn die Illusion entlarvt, es gebe so etwas wie eine dem Menschen innewohnende Ehre, die andere verletzen könnten.

Fixiert auf die Wertschätzung anderer

„Die Ehre liegt wohl eher in dem Ehrenden als in dem Geehrten“, erklärt der Philosoph in seiner Nikomachischen Ethik, „von einem Gut aber nehmen wir an, dass es dem Menschen eigen ist und nicht leicht verloren gehen kann.“

Was er damit sagen will, liegt auf der Hand. Die Ehre eines Menschen ist nichts anderes als das Ansehen, in dem er bei anderen steht. Das Ansehen freilich hat seinen Ort nicht in jenem, dem das Ansehen gilt, sondern in denen, die es einem Menschen zuteilwerden lassen. Man kann seine Ehre also nicht dadurch verlieren, dass andere einen beleidigen. Man verliert sie dann, wenn man im Ansehen der Menschen sinkt. Wenn andere einen „beleidigen“ ist das mithin auch kein Angriff auf die Ehre, sondern ein Symptom dafür, dass man seine Ehre bereits verloren hat. Von hier aus führt die Spur zum Phänomen des Beleidigtseins. Denn es erklärt, warum vor allem solche Menschen rasch beleidigt sind, die es nicht ertragen können, wenn sie bei anderen in keinem hohen Ansehen stehen – oder wenn sie in deren Ansehen so sehr sinken, dass sie von ihnen veralbert und verspottet werden. Beleidigtsein ist mithin gar nicht das Symptom gekränkter Ehre, sondern eines aufgeblähten Ego, das meint, sich seines eigenen Wertes durch die Wertschätzung anderer versichern zu müssen.

Die Tugend der Seelengröße

Sich fortwährend der Wertschätzung anderer versichern zu müssen, ist ebenfalls ein Symptom: Es verrät ein hohes Maß an Unsicherheit und Ängstlichkeit, die hinter einem aufgeblähten Ego meistens gut versteckt sind.

Wer um die Wertschätzung anderer buhlt, hat kein Gespür für seinen eigenen Wert und seine Würde. Ihm fehlt die Reife jenes Menschen, dem Aristoteles die Tugend der „Seelengröße“ bescheinigt hätte: die Reife eines Menschen, der sich nicht ängstlich hinter seinem aufgeblähten Ego verstecken muss und bei jeder Gelegenheit „Beleidigung!“ brüllt, wo er sich nicht genügend wertgeschätzt fühlt; sondern dessen Seele durch Leid und Schmerz gewachsen ist, durch Liebe und durch Glück. „Seelengröße“ zeigt  sich darin, „eine Beleidigung mit Sanftmut zu ertragen“, lehrte Demokrit.

Ein Mensch mit Seelengrößer ist sich seiner sicher. Er weiß um seinen Wert und seine Würde. Und also braucht er nicht um sie zu fürchten, wenn andere ihn veralbern. Wer schnell beleidigt ist oder sich rasch empört, verrät, dass seine Seele klein ist. Wer stets um seine Ehre oder seine Würde fürchtet, zeigt damit, dass sie nicht viel wiegen. Die Gleichung ist einfach und geht immer auf: Je schneller ein Mensch sich beleidigt fühlt, desto größer ist sein Ego, desto kleiner seine Seele.

Wer Seelengröße hat, spielt nicht mehr mit im immer gleichen Spiel von Opfer und Täter, Täter und Opfer. Er lässt diese Dynamik ins Leere laufen. Darin liegt seine Souveränität und Freiheit. Qualitäten, die man eigentlich von Menschen erwarten dürfte, die in Gesellschaften und Staaten verantwortungsvolle Positionen bekleiden. Eigentlich…

Souveränität und Freiheit

Hat man von Jesus je gehört, dass er beleidigt war? Hat Sokrates sich je empört? Verspottet wurden beide reichlich. Grund zum Beleidigtsein gab es für sie genug. Doch ihre Seelen waren dafür viel zu groß. Sie waren weit und groß genug, um auch die Albernheiten und Gehässigkeiten anderer Menschen zu umfangen. „Man muss ein Ozean sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können“, sagt Nietzsche. Jesus und Sokrates waren solche Ozeane.

Die Seelengröße war den Griechen eine Tugend. Sie wohnt im Herzen eines Menschen, dessen Ego klein geworden ist. Sie atmet eine Luft der Liebe, nicht der Angst. Sie fürchtet nicht um ihre Ehre, weil sie ihre Würde kennt: die Würde, die mit ihr gewachsen ist. Antastbar – und für Beleidigung empfänglich – ist allein das Ego, das sich eine Ehre anmaßt, die ihm gar nicht zugehört, sondern ihm bestenfalls von anderen gewährt wird.

Es ist alles so klein geworden!

Es ist kein gutes Zeichen unserer Zeit, dass alle Welt sich andauernd beleidigt fühlt. Mit Nietzsche möchte man dann seufzen: „Es ist alles so klein geworden!“ Und seien wir ehrlich: Wann ist uns zuletzt ein großer Mensch begegnet – einer, der liebend-lächelnd sich der Welt zuwendet, seiner selbst gewiss und würdevoll? Ach, gäbe es von diesen Menschen mehr – und weniger der aufgeblähten kleinen Geister, die sich noch nicht einmal entblöden, nach dem Staatsanwalt zu rufen, wenn einer sich auf ihre Kosten einen Spaß erlaubt.

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