Die Wende zur nachhaltigen Wirtschaft setzt Billionen von Dollar frei. (Foto: pixabay)

GreenFin ist im Wachstum begriffen. Eine besondere, weltweit wohl noch nie dagewesene Herausforderung ist es, das Finanzkapital zu finden, das benötigt wird, um das Ziel eines globalen Temperaturanstiegs von 2 Grad Celsius zu erreichen oder die 17 ehrgeizigen Ergebnisse der SDGs (Social Devolpment Goals) zu finanzieren. Damit Staaten, Städte, Unternehmen und andere ihren Teil dazu beitragen können, müssen sie riesige Summen aufbringen, um den Übergang zur Nachhaltigkeit zu ermöglichen.

Der Kapitalbedarf für eine weltweite Nachhaltigkeitswende ist riesig. Nach Angaben der International Finance Corporation (IFC), die zur Weltbankgruppe gehört, könnte das Pariser Abkommen bis 2030 fast 23 Billionen Dollar an „klimaschonenden“ Investitionen anregen. Die für die Erreichung der SDGs weltweit erforderlichen Mittel wurden von den Vereinten Nationen für 15 Jahre auf 6 Billionen Dollar pro Jahr geschätzt.

Überschneidungen zwischen SDGs und Klimazielen

Dass es Überschneidungen zwischen den SDGs und dem Pariser Abkommen gibt, ist unbestritten – Ziel 13 zum Beispiel zielt darauf ab, „dringende Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen zu ergreifen“ -, so dass der genaue Preis nicht wirklich bekannt ist.

Auch wenn sich die Summen, die für die Nachhaltigkeitswende benötigt werden, erst einmal riesig anhören, Großbanken wie Barclays, Citi, Goldman Sachs, HSBC und JPMorgan Chase ihrerseits sehen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, den Übergang zu finanzieren. Derartige Finanzmittel einzusetzen, wird die Weltwirtschaft, die 2016 nach Angaben des Internationalen Währungsfonds etwa 78 Billionen Dollar betrug, besteuern können. Inzwischen beginnen sie sich den Regierungen der Welt, multilateralen Entwicklungsbanken, Pensionsfonds und anderen Organisationen in einem wachsenden Pool an benötigtem Kapital an.

GreenFinance wird Business as Usual

Ein Teil dieser grünen Finanzierung – kurz GreenFin – ist nur eine natürliche Erweiterung des Business as usual. Banken finanzieren schon seit langem den Bau von Gebäuden, so dass die Finanzierung von Green Buildings für sie kein Problem darstellt.  Ähnlich verhält es sich bei der Finanzierung von Kraftwerken. Diese ist für große Finanzinstitute eine Selbstverständlichkeit, so dass ein Solar- oder Windpark eine natürliche Folgemaßnahme ist. Gleiches gilt für die Vergabe von Darlehen für kommunale Infrastruktur, Verkehrssysteme und bezahlbaren Wohnraum. Umweltfreundliche Versionen davon sind lediglich eine Variante des gleichen Themas unter anderen, nachhaltigen Vorzeichen.

Zunehmend wird eine neue Art von Finanzprodukten und -dienstleistungen speziell für die Finanzierung solcher Projekte eingesetzt. „Zwischen Juni 2016 und Juni 2017 wurden mehr Maßnahmen im Zusammenhang mit grüner Finanzierung eingeführt als in irgendeinem Einjahreszeitraum seit 2000“, sagte Jaclyn Yeo, Senior Research Analyst am Asia Pacific Risk Center.

Grüne Anleihen

Grüne Anleihen sind das bekannteste GreenFin-Instrument und wahrscheinlich das am schnellsten wachsende. Mit dem Geld von Green Bonds werden Projekte wie erneuerbare Energien, Umweltverschmutzung und Ressourcenschonung finanziert. Vor einem Jahrzehnt von der Europäischen Investitionsbank eingeführt, begann der breitere Anleihenmarkt zu reagieren, nachdem eine grüne Anleihe im Wert von 1 Milliarde Dollar innerhalb einer Stunde nach der Emission durch die IFC im Jahr 2013 verkauft wurde. Der Markt für grüne Anleihen betrug ein Jahr darauf  elf Milliarden Dollar. Nur vier Jahre später, im vergangenen Jahr 2017, waren es schon  200 Milliarden Dollar.

Doch die Anleihesummen aus dem vergangenen Jahr scheinen lediglich ein Anfang zu sein. So schätzt ein Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung aus dem Jahr 2017 ein, dass der Markt für grüne Anleihen bis 2035 auf 4,7 Billionen bis 5,6 Billionen Dollar an ausstehenden Anleihen wachsen könnte, mit jährlichen Emissionen von 620 Milliarden bis 720 Milliarden Dollar.

Soziale Anleihen

Grüne Anleihen sind nicht die einzige GreenFin-Innovation. Es gibt Anleihen mit sozialen Auswirkungen, die darauf abzielen, positive soziale Ergebnisse zu verbessern, die auch zu Einsparungen im öffentlichen Sektor führen. Darüber hinaus gibt es Produkte wie Anleihen für nachhaltige Entwicklung, die von multilateralen Institutionen ausgegeben werden und die Rückflüsse an die Performance von Unternehmen knüpfen, die globale Entwicklungsprioritäten fördern, die in den SDGs festgelegt sind; und grüne Kommunalanleihen, die Infrastrukturen wie Energie, Wasser und Verkehrssysteme finanzieren. Ende letzten Jahres emittierte HSBC die weltweit erste SDG-basierte Anleihe; die Emission im Wert von einer Milliarde US-Dollar war dreimal überzeichnet.
GreenFin findet den Weg in staatliche Programme. Letztes Jahr startete der weltgrößte CO2-Emittent China fünf Pilotzonen, um die „grüne Finanzierung“ zu fördern und zur Finanzierung der Maßnahmen gegen die Umweltverschmutzung beizutragen, der voraussichtlich 450 Milliarden Dollar pro Jahr kosten wird.

Banken wollen mitspielen

Die größten Banken der Welt scheinen sich ihrerseits in ein finanzielles Wettrüsten zu begeben, um sich die GreenFin-Branding-Rechte zu sichern. Im Jahr 2015 hat die Bank of America 125 Mrd. USD in kohlenstoffarmen Geschäften bis 2025 zugesagt, und zwar durch Kredite, Investitionen, Kapitalbeschaffung, Beratungsdienste und die Entwicklung von Finanzierungslösungen. Letztes Jahr sagte JPMorgan Chase, dass die Bank 200 Milliarden Dollar an „sauberer Finanzierung“ bis 2025 ermöglichen würde. Und dies, obwohl die Politik der US-Regierung die Umweltauflagen in den Vereinigten Staaten derzeit zurückdreht.

Im November des vergangenen Jahres verpflichtete sich HSBC, bis 2025 100 Milliarden Dollar an Finanzierungen und Investitionen bereitzustellen, um den Klimawandel zu bekämpfen. Citi, die im Jahr 2007 50 Milliarden Dollar in 10 Jahren zugesagt hat, hat dieses Ziel drei Jahre früher erreicht, indem sie den Einsatz auf 100 Milliarden Dollar im Jahr 2014 erhöht hat für „Umweltlösungen, die die Auswirkungen des Klimawandels reduzieren und der Gesellschaft zugute kommen“. So groß diese Zahlen auch sind, sie sind immer noch nur ein Bruchteil dessen, was benötigt wird, um die immensen sozialen und ökologischen Herausforderungen zu bewältigen, die vor uns liegen.

Weltweit betrachtet die IFC Nachhaltigkeit als massive Finanzierungsmöglichkeit, so ein kürzlich veröffentlichter Bericht. Investitionen in erneuerbare Energien könnten bis 2040 kumulativ auf 11 Billionen Dollar steigen. Bis 2025 könnten Investitionen in netzunabhängige Solar- und Energiespeicherung 23 Milliarden Dollar pro Jahr erreichen, und Investitionen in grüne Gebäude könnten 3,4 Billionen Dollar kumulativ in wichtigen Schwellenländern erreichen. Die Investitionen in die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung könnten bis 2030 kumulativ 13 Billionen Dollar übersteigen, wobei 2 Billionen Dollar mehr für eine klimaschonende städtische Abfallwirtschaft benötigt werden.

Fossile Energien haben das Nachsehen

Doch der Umbau des Systems ist nicht so einfach, denn auf der anderen Seite drohen erhebliche Vermögensverluste. So müssen – Expertenmeinungen zu Folge – etwa 80 Prozent der weltweiten Öl- und Gasreserven abgeschrieben werden, oder zumindest nicht – wie es bei der Weltbank heisst – für nicht brennbare Anwendungen wie Polymere für Verpackungen und Baustoffe verwendet werden. Sonst gelingt es nämlich nicht die Grenzwerte des Pariser Abkommens einzuhalten.

Dennoch, trotz dieser Nachteile und der Vermögensverluste, die der Ausstieg aus fossilen Energieträgern mit sich bringen wird, die Vorteile sind möglicherweise überwiegend. So wird das Erreichen der Ziele des Pariser Abkommens  in den nächsten 30 Jahren zu einem Anstieg des zusätzlichen Wirtschaftswachstums um 19 Billionen Dollar führen, so ein Bericht von zwei globalen Energieagenturen aus dem Jahr 2016. Das entspricht dem Wert aller an der New Yorker Börse gehandelten Unternehmen.

Unternehmensanleihen für nachhaltige Zwecke Einige wenige Nicht-Finanzunternehmen verstärken inzwischen ihre eigenen GreenFin-Initiativen. Im Jahr 2016 emittierte beispielsweise Apple eine 1,5 Milliarden Dollar grüne Anleihe – die größte aller US-Tech-Unternehmen -, um eine Reihe von Umweltinitiativen zu finanzieren, darunter auch die Finanzierung des eigenen neuen Hauptsitzes. Im selben Jahr braute Starbucks eine 500 Millionen Dollar „Sustainability Bond“, die für verschiedene Zwecke verwendet werden sollte, darunter auch Underwriting-Programme für Landwirte, die sich an die Coffee and Farmer Equity-Praktiken halten.

Solche Initiativen können den Unternehmen vielfältige Vorteile bringen. Dazu gehören die Bereitstellung von Mitteln für Nachhaltigkeitsinitiativen, die Verbesserung der internen Integration zwischen den Finanz- und Nachhaltigkeitsteams eines Unternehmens und die Verbesserung der Reputation des Unternehmens durch die Hervorhebung seiner Nachhaltigkeitsverpflichtungen. Darüber hinaus können solche Anleihen als weniger risikoreich für die Anleger und damit auch als eine höhere Nachfrage angesehen werden.

Schlüsselrolle des öffentlichen Sektors

Dem öffentlichen Sektor kommt eine Schlüsselrolle zu, wenn es darum geht, den Weg für GreenFin zu ebnen. Ein kritischer Punkt ist die Kohärenz der Politik zwischen Ministerien, Zentralbanken, Regulierungsbehörden und Akteuren des Finanzsektors. Dies geht aus dem Fahrplan für ein nachhaltiges Finanzsystem hervor, der auf einer Sitzung der Green Finance Study Group der G20 im November veröffentlicht wurde.

Es ist klar, dass wir am Anfang dessen stehen, was eine globale Umschichtung des Kapitals im nächsten Vierteljahrhundert verspricht. Im Dezember hat der französische Präsident Emmanuel Macron anlässlich des zweijährigen Jubiläums des Pariser Abkommens einen Klimagipfel einberufen. Vorgestellt wurden zukunftsweisende Initiativen aus dem Finanzsektor mit Referenten der People’s Bank of China, des African Investors Network for Climate, des schwedischen Finanzministeriums und des französischen Ministers für den ökologischen und integrativen Übergang.

 

Über den Autor

Frank Tetzel ist Chefredakteur von FAIReconomics. Seine Schwerpunkte liegen auf den Themen: Energie, Mobilität, Tourismus, Arbeit und Stadt der Zukunft.

Ähnliche Beiträge

Der Nachhaltige Warenkorb ist überarbeitet worden. Woran erkenne ich fair produzierte Mode? Wie...

Demokratie auf dem Finanzmarkt? Das hört sich erst mal etwas ungewöhnlich an, bestimmt aber...

Wie leicht wird es Verbraucherinnen und Verbrauchern gemacht, die im Internet nachhaltige Produkte...

Antworten