Die Preise für Milch fahren Achterbahn (stock.adobe.com/Thünen-Institut)

Die Preise für Milch fahren Achterbahn: Erhielten Erzeuger für einen Liter Milch 2013 bis zu 42,3 Cent pro Liter, so waren es 2016 nur 22,8 Cent und 2018 schon wieder 35,3 Cent. Das macht die Milchproduktion für die landwirtschaftlichen Betriebe zu einem riskanten Geschäft. Was kann dagegen getan werden? Das Thünen-Institut hat in einer Publikation verschiedene häufig vorgeschlagene Optionen untersucht.

Zum einen geht es um die Erhöhung des EU-Milchpreisniveaus. Das ließe sich erreichen, wenn die Milch auf dem Weltmarkt teurer wird oder wenn sich das EU-Preisniveau vom Weltmarkt ablöst. Dafür wären in jedem Fall drastische Reduktionen der EU-Milcherzeugung erforderlich. Der Versuch, das Weltmarktpreisniveau durch Einschränkung der EU-Milcherzeugung zu erhöhen, würde allerdings Marktreaktionen in anderen milcherzeugenden Ländern nach sich ziehen: Für die dortigen Produzenten würde es lukrativ werden, ihre Milchmengen zu erhöhen. Ein Effekt wäre also nur von zeitlich sehr kurzer Dauer. Eine Ablösung des EU-Preisniveaus von den Weltmarktpreisen wäre nur möglich, wenn sich die EU bei Milch und Milcherzeugnissen vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur wandelt. Dies würde wiederum erhebliche Einschränkungen der EU-Milcherzeugung voraussetzen. Unter den gegenwärtigen Marktbedingungen und bei den gegenwärtigen Strukturen der Milcherzeugung und -verarbeitung ist das nicht realistisch.

Verteilung des Risikos

Ein anderer Vorschlag – eine Verteilung des Risikos auf mehrere Schultern innerhalb des Milchsektors – erscheint zielführender und wird in der neuen Thünen-Studie ebenfalls umfassend beleuchtet. Dabei ist wichtig zu wissen, dass rund zwei Drittel der Rohmilchmenge in Deutschland durch Molkereigenossenschaften und ein Drittel durch Privatmolkereien verarbeitet wird. Molkereigenossenschaften haben damit nicht nur einen hohen Marktanteil, sondern auch eine hohe Marktverantwortung. Zwar betrafen die extremen Preisausschläge der vergangenen Jahre alle beteiligten Marktakteure. Es zeigte sich aber, dass das Markt- und Preisrisiko in der Wertschöpfungskette Milch recht ungleich verteilt ist. Fallen die Preise stark in den Keller, kann das bei den Milcherzeugern zu existenzbedrohenden Liquiditätsengpässen führen.

Das Markt- und Preisrisiko wäre bereits fairer verteilt, wenn die Genossenschaften zwei Veränderungen vornähmen. Erstens müssten sie ihre bisherige Methode zur Berechnung der Erzeugerpreise ändern und den Wert der Rohmilch zum Zeitpunkt der Anlieferung als Grundlage nehmen und nicht zum Zeitpunkt des Verkaufs der Verarbeitungsprodukte.

Und zweitens müssten sie die Regelungen zur Abnahmegarantie flexibilisieren und den heutigen Markterfordernissen anpassen. Denn aufgrund dieser Garantie müssen die Genossenschaftsmolkereien aktuell alle Rohmilch ihrer Genossenschaftsmitglieder abnehmen. Dies auch dann, wenn es für die daraus hergestellten Produkte eigentlich keinen Markt gibt. Die Folge ist ein steigender Marktdruck und sinkende Preise. Beide Anpassungen würden dazu führen, dass der Milchpreis seine Kernaufgabe wieder besser ausführen kann – nämlich über den aktuellen Marktzustand zu informieren. Darauf basierend könnten die Milcherzeuger marktgerechtere Produktionsentscheidungen treffen. Für beide Änderungen müssten die Satzungen und Lieferordnungen der Genossenschaften geändert werden.

Zudem wäre das Preisrisiko geringer, wenn Molkereien und/oder Erzeuger eine Preisabsicherung an der Warenterminbörse vornähmen. Bisher finden solche Sicherungsgeschäfte noch nicht in ausreichendem Maße satt, etwa weil der Börse misstraut wird, der Aufwand zu hoch erscheint oder die Notwendigkeit nicht gesehen wird.

Beide Maßnahmen könnten die Mitglieder der Genossenschaft beschließen. Doch ist ein solches Vorgehen noch nicht ausreichend verbreitet. Dies lässt den Schluss zu, dass entweder der Leidensdruck noch nicht groß genug ist oder dass sich bisher keine Mehrheit für eine Änderung finden konnte. Aus Sicht des Thünen-Instituts werden die notwendigen Veränderungen in jedem Fall kommen, denn die Politik verliert zusehends das Vertrauen in die Selbstregulierung des Sektors. Noch haben die Marktakteure selbst Chance dazu und sollten nicht auf Vorgaben der Politik warten.

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