Über 300.000 kleine Baltische Störe wurden im Jahr 2015 bereits in die Oder entlassen. (Foto: Jörn Geßner/IGB)

Bis zu vier Meter lang kann ein Baltischer Stör werden, erkennen kann man ihn an seiner ausgezogenen spitzen Schnauze sowie dem ausstülpbaren, unterständige Maul. Außerm trägt er sogenannte Knochenschilder, die in fünf Reihen auf dem Körper in fünf Reihen angeordnet sind. Heute sind nun 15.000 Jungtiere des Baltischen Störs in der Oder ausgesetzt worden.

Ziel ist es, die Tiere, die in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern aufgezogen wurden, die Art eines Tages wieder in den Ostseezuflüssen heimisch zu machen. Gemeinsam mit der Gesellschaft zur Rettung des Störs, dem NABU sowie dem Nationalpark Unteres Odertal leistet das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei vor Ort Pionierarbeit im Rahmen des nationalen Wiederansiedlungsprogramms. Teil davon ist auch die Aufzucht unter Einbeziehung der Fischerei im Odergebiet. Sie gilt als wegweisendes Beispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit von Wissenschaft, Naturschutz und Fischerei.

Tiere fast ausgestorben

Noch vor 100 Jahren zählte die Oder zum natürlichen Verbreitungsgebiet der Baltischen Störe. Hier befanden sich die Laichgründe der bis zu 5 Meter langen und bis zu 800 Kilogramm schweren Tiere. Doch die sanften Riesen verschwanden mit der Zeit: Fischerei, Gewässerverschmutzung und Verbauung versperrten ihnen den Weg in die Flüsse und löschten die einst reichen Störbestände Mitte des 20. Jahrhunderts nahezu aus. Lange Zeit galt der Baltische Stör als ausgestorben. Mit dem Wiederbesatz soll die Art nun wieder zu einem festen Bestandteil der Ostseezuflüsse werden.

„Zusammen mit dem NABU, dem Nationalpark Unteres Odertal und der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern ist es uns inzwischen gelungen, den Tieren eine neue Kinderstube zu bieten“, erklärt Dr. Jörn Geßner, der das Wiederansiedlungsprojekt am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) koordiniert. Diese Kinderstube befindet sich nicht in den Kiesbänken der Oder, sondern auf dem Land: Die kleinen Störe werden an der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern (LFA MV) in Born vermehrt. Anschließend werden die 8mm großen Larven an der LFA MV sowie vom Nationalparkfischer Lutz Zimmermann in Friedrichsthal und den Fischern der NABU-Teichwirtschaft Blumberger Mühle aufgezogen. Wissenschaftlich begleitet wird die Aufzucht durch das IGB und den Nationalpark Unteres Odertal. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und das Land Brandenburg unterstützen das Projekt finanziell.

Ein neues Zuhause für den Stör-Nachwuchs

Ein wesentlicher Bestandteil des Wiederansiedlungsprogramms ist die Aufzucht der Jungfische direkt im Einzugsgebiet der Oder. So sollen die Tiere früh auf ihr Heimatgewässer geprägt werden, um ihnen in 15 Jahren den Weg zurück aus dem Meer zu erleichtern. Für diesen Zweck sind eine Aufzuchtstation bei Friedrichsthal und das NABU-Erlebniszentrum Blumberger Mühle unabdingbar. Im vergangenen Jahr wurden die ersten 10.000 Jungstöre aus der Blumberger Mühle in die Oder entlassen, im Jahr 2015 kamen 15.000 weitere Tiere hinzu. „Zum zweiten Mal nach 2014 ist es uns gelungen, tausende kleine Störe aufzuziehen und auf ihre lange Reise in die Ostsee zu schicken“, freut sich NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Hinzu kommen jeweils 10.000 Setzlinge aus den Aufzuchten in Friedrichsthal und Born. Zusammen mit den 265.000 Larven und 350 einjährigen Jungfischen, die bereits besetzt wurden, wurden in diesem Jahr damit über 300.000 kleine Störe ausgewildert – ein neuer Rekord!

Die Jungtiere, die seit heute in der Oder schwimmen, wurden bis zu drei Monate aufgezogen. In dieser Zeit wuchsen die Fische dank aufwendiger Pflege und reichlich Naturfutter, wie kleinen Krebsen und Mückenlarven, auf eine Körperlänge von über 15 Zentimetern heran.

„Eine anspruchsvolle Aufgabe, die den Mitarbeitern viel Geduld und Disziplin abverlangt“

Kim Detloff, Nabu Projektleiter
. Geht es nach ihm, so soll jeder einzelne der besetzten Störe helfen, eine sich selbst erhaltende Population in Oder und Ostsee aufzubauen. „In spätestens 25 Jahren wollen wir erleben, dass sich die von uns eingesetzten Tiere erfolgreich fortpflanzen.“

Baltische Störe auf dem Weg in die Ostsee

Diesen Wunsch teilen auch die Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Bereits seit 2006 wildern sie Baltische Störe in der Oderregion aus. „Inzwischen haben wir die magische Marke von 1 Million Besatzfischen durchbrochen. Unter den bisher über 2.000 gemeldeten Wiederfängen wurden wahre Ausdauersportler identifiziert, wie etwa Baltische Störe aus dem Bottnischen Meerbusen und dem Oslofjord. Sie zeigen, wie weit sich die Tiere in der Ostsee schon bewegt haben“, sagt IGB-Wissenschaftler Jörn Geßner.

Der Rekordhalter sei ein Fisch gewesen, der im Frühsommer vor der Loire in Frankreich gefangen wurde. „Diese Ergebnisse zeigen auch, wie wichtig die Zusammenarbeit mit der Fischerei für die Erfassung der Fangmeldungen und die Freisetzung gefangener Fische ist, damit der Bestandsaufbau über die nächsten 15 Jahre funktionieren kann“, ergänzt Geßner.

„Die Wiederansiedlung des Störs kann nur gelingen, wenn Wissenschaft, Naturschutz, kommerzielle Fischerei sowie Politik und Behörden gemeinsam an einem Strang ziehen“, sagt er. Das Projekt der Aufzucht unter Einbeziehung der Fischerei wie in der Blumberger Mühle und in Friedrichsthal sei dafür ein gutes und wegweisendes Beispiel.

Gelingt die Wiederansiedlung des Störs, profitieren davon auch andere Arten, die für ein intaktes Ökosystem gleichsam bedeutend sind. Besonders die Durchwanderbarkeit der Fließgewässer, aber auch die Sicherung der Verfügbarkeit von Laich- und Futtergebieten, ist vor dem Hintergrund der Bestrebungen zum weiteren Ausbau der Oder und ihrer Nebenflüsse für viele weitere Arten wie beispielsweise Lachs, Meerforelle, Maifisch oder Schnäpel ebenso unabdingbar wie für den Stör, um stabile selbsterhaltende Populationen aufbauen zu können.

 

 

Über den Autor

Frank Tetzel ist Chefredakteur von FAIReconomics. Seine Schwerpunkte liegen auf den Themen: Energie, Mobilität, Tourismus, Arbeit und Stadt der Zukunft.

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