Eines ist für die Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung klar, die Rückstellungen der Atomkraftwerksbetreiber werden dafür nicht ausreichen, denn ein sicheres Endlager für Atommüll in Deutschland ist derzeit weit und breit nicht in Sicht.

Hinsichtlich des Rückbaus abgeschalteter Atomkraftwerke und der Endlagerung des Atommülls stehen die wahren Herausforderungen nach einer jüngst veröffentlichen DIW-Studie noch bevor: Ein Endlager, in dem die hochradioaktiven Brennstäbe über Jahrtausende sicher gelagert werden könnten, wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Laut aktueller Planung soll der finale Standort frühestens im Jahr 2031 feststehen. Die bisher wenig belastbaren Schätzungen der Kosten für Rückbau und Endlagerung gehen von mindestens 50 bis 70 Milliarden Euro aus. Demzufolge dürften die Rückstellungen der Kraftwerksbetreiber in Höhe von derzeit 38 Milliarden Euro bei weitem nicht ausreichen, dies auch vor dem Hintergrund, dass diese bei einer eventuellen Insolvenz nicht gesichert sind. Zudem können sich die Energiekonzerne ihrer Verantwortung durch Konzernumstrukturierungen entziehen. Deshalb schlagen die Studienautoren einen öffentlich-rechtlichen Fonds vor. In diesen könnten die Rückstellungen für Rückbau und Endlagerung überführt werden. Für die zu erwartenden Mehrkosten sollte der Gesetzgeber eine Nachschusspflicht vorsehen.

Rückstellungen der Atomkonzerne sind mit zahlreichen Risiken behaftet
Hinzu kommt: Die Betreibergesellschaften der Atomkraftwerke leiten die – laut Atomgesetz pflichtgemäß – gebildeten Rückstellungen regelmäßig an ihre jeweiligen Muttergesellschaften weiter. So ergibt sich für die Energiekonzerne eine vergleichsweise günstige Finanzierungsquelle. Fraglich ist dabei, auch aufgrund der Umwälzungen auf dem Energiemarkt und der sinkenden Profitabilität einiger Energieversorger, welchen Wert die Rückstellungen in einigen Jahren überhaupt noch haben werden. „Angesichts dieser großen Risiken sollten die Rückstellungen der Atomkonzerne zeitnah in einen öffentlich-rechtlichen Fonds überführt werden“, sagt Energieexperte Christian von Hirschhausen. Hinsichtlich des schon heute absehbaren Mehrbedarfs sollten die Energiekonzerne nach Ansicht der Energieexperten des DIW Berlin zusätzlich verpflichtet werden, die Differenz zu den bereits vorhandenen Rückstellungen auszugleichen.

Abschaltung des Atomkraftwerks in Grafenrheinfeld fällt kaum ins Gewicht
Wenn die finanziellen Rückstellungen auch ein Problem sein mögen, bei der sicheren zukünftigen Stromversorgung ist man beim DIW sorgenfreier. Wenn das Atomkraftwerk im bayerischen Grafenrheinfeld im Juni 2015 vom Netz geht, werden die energiewirtschaftlichen Konsequenzen gering sein. Den Großteil der insgesamt zehn Terawattstunden Strom, die das Atomkraftwerk bisher pro Jahr erzeugt hat, kompensieren Stein- und Braunkohlekraftwerke sowie Erdgaskraftwerke in Deutschland. Auch nach 2022 wird das Stromangebot ausreichend sein, lediglich in Spitzenlaststunden ist Deutschland dann wohl auf Stromimporte aus seinen Nachbarländern angewiesen. Die Simulationsrechnungen des DIW Berlin zeigen nur einen leichten Strompreisanstieg.
„In Deutschland wird bereits heute sehr viel mehr Strom produziert als wir verbrauchen“, erklärt Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW Berlin. „Die bevorstehende Abschaltung des Atomkraftwerks in Grafenrheinfeld wird daran nur wenig ändern. Auch im Jahr 2025 werden wir noch genügend Strom haben und diesen teilweise sogar ins Ausland liefern.“

Über den Autor

Frank Tetzel ist Chefredakteur von FAIReconomics. Seine Schwerpunkte liegen auf den Themen: Energie, Mobilität, Tourismus, Arbeit und Stadt der Zukunft.

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