Wie steht Deutschland 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer wirtschaftlich da? Eine neue Veröffentlichung des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zeigt mit anschaulichen Karten und Graphiken, wie sich die Bundesrepublik im internationalen Vergleich entwickelt hat und wie es um die innere Einheit bestellt ist(Foto: lapping auf Pixabay)

Wie steht Deutschland 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer wirtschaftlich da? Eine neue Veröffentlichung des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zeigt mit anschaulichen Karten und Graphiken, wie sich die Bundesrepublik im internationalen Vergleich entwickelt hat und wie es um die innere Einheit bestellt ist. Neue Befunde liefert die Publikation unter anderem zur Produktivität in Ost und West, zur Entwicklung von Stadt und Land sowie zur Fachkräftesituation.

Im internationalen Vergleich hat sich Deutschland in den 30 Jahren seit dem Mauerfall gut entwickelt. Aber die Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen des Landes sind noch immer teils erheblich. Ob Wirtschaftsleistung, Löhne, Zuwanderung oder Bildung: In vielerlei Hinsicht zeichnen die regionalen Muster nach wie vor die einstige Teilung zwischen DDR und alter Bundesrepublik nach.

Das lässt sich ablesen an 35 Karten und Graphiken einer Publikation, die das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) heute in Berlin vorgestellt hat. Mit „Vereintes Land – drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall“ leistet das IWH eine differenzierte Analyse zum Jubiläum des Mauerfalls. Drei zentrale Befunde sind:

    „Diese Publikation hilft dabei, die regionalen Unterschiede im heutigen Deutschland zu verstehen“

1) Die Wirtschaft im Osten Deutschlands ist weniger produktiv als im Westen – aber nicht nur wegen fehlender Konzernzentralen. Der Befund ist eindeutig: 464 der 500 größten deutschen Unternehmen haben ihren Sitz im Westen der Republik, das sind etwa 93%. Da generell die Produktivität mit der Betriebsgröße steigt, ist in Ostdeutschland eine geringere Produktivität zu verzeichnen. Das ist allerdings nur ein Teil der Geschichte. Selbst wenn man die unterschiedlichen Betriebsmerkmale berücksichtigt, haben ostdeutsche Betriebe in jeder Größenklasse eine mindestens 20% niedrigere Produktivität. Dass Potenziale für Produktivitätssteigerungen in Ostdeutschland noch nicht ausgeschöpft werden, hat nach Einschätzung der IWH-Ökonomen auch mit staatlichen Subventionen zu tun: Sind diese an die Bedingung geknüpft, Arbeitsplätze zu erhalten oder zu schaffen, dann kann das einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität im Wege stehen. In Zeiten von Fachkräftemangel sollte Wirtschaftsförderung deshalb nicht um jeden Preis für Arbeitsplätze sorgen, sondern für Produktivitätssteigerung.

Bildschirmfoto-2019-03-23-um-18.40.50-223x300 Wie nachhaltig ist die wirtschaftliche Entwicklung in Osten Deutschlands? Wirtschaft 2) Wer die Städte stärkt, bringt das ganze Land voran. Die Produktivität unterscheidet sich zwischen den ost- und westdeutschen Städten mehr als zwischen den ländlichen Regionen. Die Gründe: Konzernzentralen sind häufig in den (westdeutschen) Städten angesiedelt, und drei Viertel der Beschäftigten im Westen arbeiten in Städten, während es im Osten nur die Hälfte ist. Wenn sich aber die Wirtschaftskraft in Ost und West weiter annähern soll, muss man vor allem die Städte stärken. Denn dort entstehen jene hochwertigen Dienstleistungen, die die Wirtschaft mehr und mehr bestimmen. In der Wissensgesellschaft sind Städte die zentralen Orte von Forschung, Innovation und Wertschöpfung – und damit für Wohlstand.

3) Für mehr Fortschritt braucht es hinreichend Fachkräfte.In Ostdeutschland herrscht kein genereller Mangel mehr an Sachkapital. Aber es fehlen dort zunehmend Fachkräfte. Das hat vier Gründe. (1) Der Osten hatte bis zum Anfang der 2000er Jahre einen größeren Anteil hochqualifizierter Beschäftigter als der Westen; dieser Vorsprung ist mittlerweile fast überall verlorengegangen. (2) Die Schulabbrecherquoten sind höher als in Westdeutschland. (3) Die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter nimmt in den ostdeutschen Flächenländern in Zukunft deutlich schneller ab als in den westdeutschen. (4) Hochqualifizierte Zuwanderer, die zum Beispiel eine Blaue Karte EU haben, ziehen viel eher in west- als in ostdeutsche Regionen. Nur Berlin zieht überdurchschnittlich viele von ihnen an.

      „Wir wollen damit auch die Politik ermutigen: Wenn sie die strukturellen Probleme in Gesamtdeutschland angeht, kann sich auch der Osten gut entwickeln.“

Hier kann Politik ansetzen: Exzellente Bedingungen ziehen exzellentes Personal an. Orte mit attraktiven Wohn- und Arbeitsbedingungen und einem breiten Angebot von Wissenschafts-, Bildungs- und Kultureinrichtungen können den Strukturwandel in Ostdeutschland voranbringen, wenn sie sich als weltoffen und attraktiv für qualifizierte Zuwanderung profilieren.

In die Veröffentlichung fließt Expertise aus mehr als 25 Jahren Forschung ein, in denen das IWH unter anderem die Entwicklung in Ostdeutschland untersucht. „Diese Publikation hilft dabei, die regionalen Unterschiede im heutigen Deutschland zu verstehen“, sagt IWH-Präsident Reint Gropp. „Wir wollen damit auch die Politik ermutigen: Wenn sie die strukturellen Probleme in Gesamtdeutschland angeht, kann sich auch der Osten gut entwickeln. Wir sollten Dienstleistungen als wichtigen Wachstumsmotor begreifen. Wir sollten in Bildung und Wissenschaft investieren und dadurch Produktivitätspotenziale heben. Und wir sollten unsere Städte als Orte der Innovation und für qualifizierte Zuwanderung attraktiver machen.“

Veröffentlichung
Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) (Hrsg.):Vereintes Land – drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall. 152 Seiten, zweisprachig Deutsch/Englisch, Abbildungsteil mit 35 farbigen Karten und Graphiken. Halle (Saale) 2019.

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